Poetics of the Everyday
Group show

10. Okt. – 15. Nov. 2025
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Helene Appel, Nina Beier, Alexandra Bircken, Talia Chetrit, Alex Da Corte, Peter Fischli and David Weiss, FORT, Isa Genzken, Gilbert & George, Nan Goldin, Andreas Gursky, Alicja Kwade, Konrad Lueg, Annette Messager, Alexandra Metcalf, Lukas Müller, João Maria Gusmão + Pedro Paiva, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Pipilotti Rist, Wilhelm Sasnal, Andreas Slominski, Florian Slotawa, Wolfgang Tillmans, Mara Wohnhaas, Thomas Zipp

Die Hinwendung zum Privaten ist ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen, das sich zunehmend in der zeitgenössischen Kunst widerspiegelt. In Zeiten gesellschaftlicher und politischer Umbrüche wird das Private für viele als Strategie gesehen, äußere Verhältnisse zu ertragen oder ihnen zu entkommen. Doch diese Entwicklung ist keineswegs neu: Seit Beginn der Moderne lassen sich Künstler*innen immer wieder vom häuslichen Leben inspirieren, sei es als Rückzugsort, als Spiegel gesellschaftlicher Strukturen oder als Schauplatz für subtile Widerständigkeit. Heute verschieben digitale Alltagspraktiken und soziale Medien diese Konstellation grundlegend. Der ehemals geschützte Bereich tritt auf eine öffentliche Bühne: Intime Gesten und persönliche Dinge zirkulieren, das (Sich-)Zeigen und Gezeigt-Werden erzeugt ein Spannungsfeld zwischen Selbstinszenierung, Beobachtung und Intimität.

Mit Duchamps Readymades wurde das Alltägliche zu einem zentralen Mittel künstlerischer Provokation. Die Pop Art radikalisierte diese Strategie, indem sie Massenprodukte und Konsum ins Zentrum rückte – mittels banaler Objekte weiten seitdem Künstlerinnen und Künstler den Begriff von Kunst konfrontativ aus. Gerhard Richter stellt mit Loo Paper (1994) eine Toilettenpapierrolle dar – eines der banalsten Motive überhaupt – und verleiht ihr in seiner unscharfen Malweise fast monumentalen Ernst. Konrad Lueg, fasziniert von vorgefundenen Mustern auf Tapeten und Stoffen, erklärt ein kariertes Geschirrtuch zur Kunst. Fischli und Weiss bauen scheinbare Alltags-Fundstücke als exakte Täuschungen aus Polyurethan nach – „unechte Readymades“, die Besucherinnen irreführen. Ähnlich illusionistisch geht Helene Appel vor mit ihren trompel’oeil- Malereien von alltäglichen Details wie Wischwasser. Die Wahrheit und Authentizität, die dem Banalen und Alltäglichen innewohnen, hat Künstlerinnen immer wieder gereizt. Florian Slotawa fotografiert in der Serie Mannheimer Bestandsaufnahme seinen gesamten Besitzstand, präzise sortiert und geordnet. Wilhelm Sasnal, dessen minimale Ölbilder einen Panton Stuhl und ein Stück gusseisernen Zaun zeigen, beschreibt die Poesie des Alltäglichen als zentrales Motiv seines Werks

Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Eine weitere künstlerische Strategie im Umgang mit dem Alltäglichen ist die Manipulation des Vertrauten. Leicht verändert kippen alltägliche Dinge ins Unheimliche oder Absurde: Andreas Gurskys Fotografie eines Herds mit rot leuchtenden Knöpfen lässt die technische Oberfläche zu einem gespenstischen Tableau werden. Thomas Zipps installative Malerei zeigt düster-surreal eine Marionette bei der Gartenarbeit und Alexandra Metcalf malt eine violett eingefärbte, toxisch wirkende Landschaft mit Kopfhörern – die passende Musik assoziiert man gleich mit. Sigmar Polke lässt aus einer Glühbirne und einer Brille ein Gesicht entstehen. Alicja Kwades Besen scheint sich nur kurz auszuruhen; er lehnt sich im Rundbogen gegen die Wand. Slapstick Humor transportiert die zusammengesunkene Ginflasche von Gilbert & George ebenso wie die Mausefalle in Form eines Kinderspielzeugs von Andreas Slominski. Gusmão + Paiva zeigen mit einem bronzenen Fernseher den zum Scheitern verurteilten Versuch, bewegte Bilder in Skulptur zu bannen, Mara Wohnhaas stapelt unlesbare Bücher aus Holz, und Isa Genzken bringt mit einem Weltempfänger aus Beton in Form einer Waschmittelflasche den Optimismus der Moderne zum Schweigen.

Das Alltägliche war für Künstlerinnen immer auch ein Ort der Kritik an gesellschaftlichen Strukturen. Der private Raum war für Frauen lange Zeit gleichbedeutend mit unbezahlter Arbeit und unsichtbarer Unterdrückung. Annette Messagers Installation aus BHs, Talia Chetrits Fotografien und Pipilotti Rists Leuchtobjekt verhandeln Körper, Sexualität und Rollenbilder im Kontext des Häuslichen. Nan Goldins Selbstporträt im Badezimmer konfrontiert Intimität mit Verletzlichkeit. Hergebrachte Geschlechterklischees und -zuordnungen kritisieren jeweils Alexandra Birckens stark vergrößerte Fotografie eines Nähnadeletuis mit dem Titel Heavy Metal und Nina Beiers Doppelwaschbecken mit zwei Zigarren als Stöpsel. Die Arbeiten machen deutlich, dass das Private nach wie vor ein politischer Ort ist.

Schließlich können Alltagsobjekte zu Trägern von Erinnerungen werden und Geschichten erzählen. FORTs fiktives Schaufenster mit ausgestellten Perücken lässt Spekulationen zu über mögliche Träger*innen und alternative Identitäten, genau wie Alex Da Cortes Verpackung eines Haarfärbemittels der Marke Just For Men. Lukas Müller malt vertraute Szenen – Spaghetti, Küchenstuhl, Schlafstelle – die sich als Fragmente aus dem Leben von Wohnungslosen entpuppen. Wolfgang Tillmans porträtiert sich gleich doppelt: unmittelbar im Spiegel – wenn auch durch die Kamera verdeckt – und indirekt über die Sammlung persönlicher Gegenstände und Kunstobjekte auf einem Kaminsims. So wird das Alltägliche aufgeladen mit Geschichten, die über die Summe der Gegenstände hinausweisen.

Mit Poetics of the Everyday treten künstlerische Strategien in den Dialog, die das Alltägliche aufgreifen undbefragen: als Provokation des Banalen, durch subtile Verschiebungen ins Unheimliche oder Absurde, als Kritik an gesellschaftlichen Strukturen oder als Träger persönlicher Erinnerungen. Die Ausstellung bringt Positionen aus verschiedenen Generationen zusammen und zeigt, dass das Alltägliche bis heute ein zentraler Resonanzraum künstlerischer Praxis bleibt.

Copyright the artists; Sies + Höke, Düsseldorf; Croy Nielsen; Ginny on Frederick; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Sies + Höke, Düsseldorf; Ginny on Frederick; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Sies + Höke, Düsseldorf; Croy Nielsen; Photo Tino Kukulies
Copyright Sies + Höke, Düsseldorf; the artists; Photo Tino Kukulies
Copyright Sies + Höke, Düsseldorf; the artists; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; Galerie Rüdiger Schöttle, Munich; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright Sies + Höke, Düsseldorf; the artists; The Estate of Sigmar Polke; VG Bildkunst, Bonn; Hauser & Wirth; Herald St, London; Photo Tino Kukulies
Copyright Sies + Höke, Düsseldorf; the artists; VG Bildkunst, Bonn; Hauser & Wirth; Herald St, London; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Sies + Höke, Düsseldorf; Ginny on Frederick; Photo Tino Kukulies
Copyright Sies + Höke, Düsseldorf; the artists; VG Bildkunst, Bonn; Photo Tino Kukulies
Copyright Sies + Höke, Düsseldorf; the artists; VG Bildkunst, Bonn; Photo Tino Kukulies
Copyright Sies + Höke, Düsseldorf; the artists; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; BQ, Berlin; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; Lucas Hirsch, Düsseldorf; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Galerie Rüdiger Schöttle, Munich; The Estate of Sigmar Polke; Sies + Höke, Düsseldorf; Marian Goodman Gallery, London; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Lucas Hirsch, Düsseldorf; Sies + Höke, Düsseldorf; Sadie Coles HQ, London; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; Lucas Hirsch, Düsseldorf; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; © Gerhard Richter 2025 (15052025); Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Lucas Hirsch, Düsseldorf; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Lucas Hirsch, Düsseldorf; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; The Estate of Sigmar Polke; Sies + Höke, Düsseldorf; VG Bildkunst, Bonn; Sadie Coles HQ, London; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; VG Bildkunst, Bonn; BQ, Berlin; Photo Tino Kukulies
Copyright the artists; Lucas Hirsch, Düsseldorf; Sies + Höke, Düsseldorf; Sadie Coles HQ, London; Photo Tino Kukulies

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