Julian Charrière
Thickens, pools, flows, rushes, slows

19. Juni – 8. Aug. 2020
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Obsidian block
56 x 127 x 76 cm
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Archival pigment print on Hahnemühle FineArt Pearl, mounted on aluminium dibond, framed (alder), Mirogard anti-refective glass
80 x 100 cm
81,8 x 101,8 cm (framed)
Edition of 5 + 1 AP
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Archival pigment print on Hahnemühle FineArt Pearl, mounted on aluminium dibond
80 x 100 cm
81,8 x 101,8 cm (framed)
Edition of 5 + 1 AP
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Archival pigment print on Hahnemühle FineArt Pearl, mounted on aluminium dibond, framed (alder), Mirogard anti-refective glass
80 x 100 cm
Edition of 5 + 1 AP
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf
Archival pigment print on Hahnemühle FineArt Pearl, mounted on aluminium dibond
80 x 100 cm
81,8 x 101,8 cm (framed)
Edition of 5 + 1 AP
Copyright the artist; Dittrich & Schlechtriem, Berlin; Galerie Tschudi, Zuoz; Sean Kelly, New York; Sies + Höke, Düsseldorf; VG Bild-Kunst, Bonn
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Achim Kukulies, Düsseldorf

Flammen schlagen aus den Becken eines neoklassizistischen Schalenbrunnens empor und bilden einen kegelförmigen Scheiterhaufen in der Nacht. Ringförmig überfließende Kaskaden brennender Flüssigkeit stürzen inmitten der Feuersbrunst in rhythmischen Schwällen gurgelnd abwärts. Erleuchtete Tröpfchen scheinen in der Luft zu schweben, gefangen zwischen Flug und Anziehungskraft der Masse darunter. And Beneath It All Flows Liquid Fire (2019), die Film-Aufnahme einer ortsspezifischen Performance in Lugano, Schweiz, dramatisiert die Spannung zwischen dem vertikalen Impuls der Flamme und dem Abwärts-Streben des Wassers.

In Julian Charrières neuester Werkreihe sind Schwellen zwischen den Wirklichkeiten als Übergänge zwischen Aggregatszuständen dargestellt. Der brennende Brunnen birgt das Mysterium einer anderen Welt: eine spekulative Gletscherlandschaft, komponiert aus Filmmaterial, das eine Drohne im Schutze der arktischen Nacht aufgenommen hat. Bilder von polaren und Gebirgs-Gletscherregionen erscheinen zugleich fremdartig und überaus vertraut – kühles Blau, das aus den Spalten zerklüfteter Klippen schimmert, sich weithin ausdehnende weiße Flächen und – gelegentlich – Porträts kulturellen Lebens auf kahlem Boden. Lange Zeit eine Domäne der Projektion und Fantasie waren diese Regionen Schauplatz unzähliger Fiktionen, von literarischen bis hin zu paranoiden. Und dabei sind sie als ausgesprochen sensible Indikatoren des Klimawandels zugleich Indizien des Wirklichkeitsprinzips innerhalb der heutigen Medienlandschaft – übersättigt von Archivbildern kalbender Gletscher und gestrandeter Eisbären. Während die Pole und Bergspitzen sich zweimal so schnell erwärmen wie der Rest des Planeten und dabei lokale Kulturen und Wirtschaften bedrohen, lassen globale strategische Interessen an neuen Schiffspassagen und Mineralschürfrechten kaum Zeit für Melancholie. Die Pole sind überexponiert.

Die Notwendigkeit, uns von ihrer Ikonographie loszusagen, beruht auf dem Bedürfnis, den sich radikal wandelnden Bedingungen der Umwelt selbst entgegenzutreten. Inspiriert von Jules Vernes weitsichtigem Roman Sans dessus dessous (1889) (dt. Der Schuss am Kilimandscharo, engl. The Purchase of the North Pole), setzt Julian Charrière auf der Suche nach einer kritischen Optik die unheimliche Perspektive einer Drohne ein. Towards No Earthly Pole entstand während einer Reihe von Expeditionen in die hohen Breiten und Höhen der Arktis, Grönlands, Islands, der Französischen und Schweizer Alpen und der Antarktis und zeigt eine einzigartige Vision der Gletscherlandschaften des 21. Jahrhunderts – eine neuartige Betrachtung ihres Mythos’, ihrer zerbrechlichen Ökologie, ihrer intensiven technologischen Vermittlung sowie angespannter geopolitischer Bedingungen. Der Film folgt einem Scheinwerferlicht über die Oberfläche der Gletscher und Eisberge, die in eiskalten Meeren dahintreiben. Heimgesucht von dem Wissen, dass sich die Erde aufgrund menschlicher Tätigkeit viel zu schnell erwärmt, zeichnet der unheimliche technologische Blick der Kamera die ausgehöhlten Wege des Schmelzwassers nach, liefert erhabene Anblicke von Gletscher-Wasserfällen und lenkt die Aufmerksamkeit hinab zur Wasserlinie, unterhalb derer neunzig Prozent eines jeden Eisbergs verborgen liegen.

“Wenn du zur Erde zurückkehrst, schicke uns Eis, denn uns dürstet nach kaltem Wasser hier unten,” sagte das Volk der Unterwelt zu Kúnigseq. Die Inuit-Sage von Kúnigseq, die im frühen zwanzigsten Jahrhundert von dem dänisch-grönländischen Entdecker Knud Rasmussen aufgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte eines Zauberers, der durch vom Meerwasser ausgewaschene Geschosse in die Unterwelt hinabsteigt. Geführt von helfenden Geistern gelangt er durch ein mit glitschigem Seetang verhangenes Riff in eine Welt des Überflusses, die der der Lebenden in vielerlei Hinsicht gleicht – außer dass “es keinen Schnee und ein wunderschönes offenes Meer” gibt. Die Unterwelt, lässt sich daraus folgern, ist ein warmer Ort. Wie Orpheus und andere mythische Reisende in die Unterwelt, wird Kúnigseq ermahnt, der Umarmung seiner Mutter und den Beeren, die sie ihm anbietet, zu widerstehen, um nicht gezwungenermaßen bei seinen Verstorbenen in der Unterwelt bleiben zu müssen. Als er aufbricht, flehen ihn die Bewohner*innen der Unterwelt um ein wenig Eis an, um ihren Durst nach kaltem Wasser zu stillen. [1]

Solche Geschichten, die man sich während der langen Polarnächte zum Zeitvertreib erzählte, wurden solange ausgedehnt und ausgeschmückt, bis die Zuhörenden einschliefen. Nach Rasmussens Bericht beginnen viele „mit der stolzen Erklärung, dass niemand diese Geschichte je zu Ende gehört habe“ und enden abrupt, so als würde der oder die Erzähler*in mitten im Erzählfluss innehalten, weil er oder sie plötzlich bemerkt hat, dass das Publikum eingeschlafen ist. „Das Geschichtenerzählen wird so zu einer Art Wettbewerb zwischen der Kraft der ununterbrochenen Erfindung und detaillierten Ausschmückung [des oder der Erzählenden] auf der einen Seite und der Kraft der Ausdauer der Zuhörenden auf der anderen Seite.“ Unschwer, sich vorzustellen, wie man in einer kalten Winternacht in die Umarmung eines Traumes wegdriftet, mit den behaglichen Visionen einer warmen Unterwelt unter dem Eis vor Augen; einer Welt, die so warm ist, dass man nach einem Schluck erfrischenden Schmelzwassers aus der Welt von oben lechzt.

„Im Unterland verhält [sich die Zeit] anders“ schreibt Robert MacFarlane über seine unterirdischen Reisen. „Verdickt sich, staut sich, fließt, rauscht, verlangsamt sich.“ (engl. It thickens, pools, flows, rushes, slows) [2] Jenseits von Träumen bietet die geologische Unterwelt ihren eigenen Strom an Überschreitungen. In Vulkanausbrüchen aus dem Bauch der Erde hervorgewürgt, erscheint eine in Gestalt von Lava, die schnell abkühlt und Obsidian bildet, sobald sie die Oberfläche erreicht. Obsidian fehlt die kristalline Struktur echter Minerale; es handelt sich vielmehr um eine tiefgekühlte und erstarrte Flüssigkeit, eine Art schwarzes (oder grünes) Glas, dessen physikalische Eigenschaften den charakteristischen muscheligen Bruch verursachen. Die welligen Brüche führen zu extrem harten Rändern, weshalb Obsidian im Neolithikum zu Werkzeugen verarbeitet wurde und so eines der ersten Materialien war, das gehandelt und über große Entfernungen transportiert wurde. Viel später lieferten dunkle Obsidian-Spiegel Omen und verzerrten als Claude-Gläser Landschaften auf ansprechende Weise. Charrières aus großen Obsidian-Stücken gehauenes Thickens, pools, flows, rushes, slows bringt diese komplexe Geschichte ans Licht und kontrastiert schwarzes vulkanisches Glas mit Gletschereis, selbst ein echtes Mineral, dessen Bruchmuster nun über die Schwellen von Welten hinweghallt.

Text: Dehlia Hannah

Dr. Dehlia Hannah ist Philosophin und Kuratorin an der Aalborg Universität Kopenhagen und Herausgeberin des neu erscheinenden Buchs Julian Charrière – Towards No Earthly Pole (Mousse Publishing, 2020).

[1] Eskimo Folktales, Hrsg. Knud Rasmussen, übersetzt von W. Worster, 1921 (https://www.gutenberg.org/files/28932/28932-h/28932-h.htm, abgerufen am 11. März 2020)

[2] Robert MacFarlane, Underland: A Deep Time Journey, W.W. Norton, 2019. Deutsch: Robert Mac Farlane, Im Unterland: Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde. Penguin Verlag, 2019.

About Julian Charrière

Charrière's work is a blend of conceptual explorations and poetic archaeology which includes performances and photographs as well as installations.

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