Michael van Ofen
Ergänzung und Verbesserung

Oct 21st – Nov 12th, 2022
Pop-up Show Sies + Höke at Schönewald

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Ivo Faber

Michael van Ofen discovered painting at a time when its death was predicted, but in fact never occurred. With portraits, still lifes, interiors, landscapes, architecture he chooses subjects that were generally declined in the modern age. Van Ofen finds his sources in the 19th century: In addition to old masters as Jacques Louis David, Anton von Werner, Paul Hippolyte Delaroche or Emile Jean Horace Vernet he refers to historical tableaus of less known painters that he reinvents in precisely balanced compositions and in reducing paintings on few brush strokes. For van Ofen producing a painting means a careful, permanent exercising of the painting process itself: A delicate coordination of the brushwork, an elaborate setting of colour and light. The preceding analysis and dissolution of the same motive in several works serve him to prove and exercise the full range of pictorial possibilities. While painting, the figurative details decrease more and more in favour of a visualization of single symbolic representation. In suspense between abstraction and figuration some colour parts get rid of their function to illustrate. But especially when looking at the paintings from a distance the observer gets an idea of a situation, atmosphere, a person or known motive.

Text: Carla Orthen

Geschichte erfinden

Sie ist wieder da. In der weltweiten Netflix-Top-10 der nicht-englischsprachigen Serien stand das Sissi- Vehikel „Die Kaiserin“ in den ersten beiden Wochen nach seinem Erscheinen auf Platz 1. Die Lebensgeschichte einer Aristokratin aus dem 19. Jahrhundert, in den deutschsprachigen Ländern durch die Rührfilme mit Romy Schneider den Älteren wohlbekannt, erreicht eine ganz neue Generation von Zuschauern und das weltweit. Es kommt nicht ganz überraschend. Die großen Hits der deutschen Bewegtbildproduktion sind in den letzten Jahren sehr häufig historische Fiktionen gewesen: „Babylon Berlin“, „Charité“, „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Deutschland 1983“, die Serienfassung von „Das Boot“... International sieht es nicht anders aus: Der Mega-Erfolg „Bridgerton“ spielt im frühen 19. Jahrhundert, „Downton Abbey“ zu Beginn des 20., und selbst das hippe „Stranger Things“ ist in den 80ern angesiedelt.

Man könnte von einer regelrechten Vergangenheitsbesessenheit sprechen, aber ist Besessenheit hier der richtige Begriff? Wenn etwas von einem Besitz ergreift, dann erlebt der Mensch das gemeinhin als einen Kontrollverlust. Der anhaltende Siegeszug des period drama kommt aber nicht über uns, er hat auch nichts Belastendes. Nicht einmal dann, wenn es sich um besonders düstere Kapitel handelt. Die Vergangenheit sucht uns nicht heim, eher ist es umgekehrt. Wenig ist zu spüren von den Skrupeln, mit denen Kunst und Film früherer Dekaden sich insbesondere deutscher Geschichte angenommen haben. Nach der Periode beinahe ausschließlich abstrakter Malerei holten Künstler wie Gerhard Richter Zeitgeschichte über den Umweg Fotografie in ihre Gemälde, rückten sie durch das Verwischen der figurativen Darstellung aber wieder von uns weg. Was am period drama der Gegenwart frappiert, ist aber nicht so sehr die Beschäftigung mit Geschichte an sich, sondern die zunehmende Mühelosigkeit, mit der wir uns in die Lebenswirklichkeiten zeitlich unerreichbar weit entfernter Protagonisten einzutauchen vermögen, ihren kleinen und großen Dramen folgen. Brüche, die die unüberbrückbare Distanz der Betrachter zum Dargebotenen markieren, sind selten geworden. Das Gemachte und Gebaute, das Künstliche und Konstruierte soll in der Rezeption möglichst vergessen gemacht werden.

Ganz anders bei Michael van Ofen. „Ergänzung und Verbesserung“ lautet der hintersinnige Titel seiner Einzelausstellung bei Sies + Höke in Düsseldorf. Arbeiten der Jahre 2019 bis 2022 sind zu sehen, die oft nur aus einer Handvoll Strichen zusammengesetzt zu sein scheinen, und die doch ganze Erfahrungs- und Sehräume aktivieren. Man erkennt Dinge und Gesten, man erkennt Haltungen wieder. Da ist etwa die sparsam skizzierte Figur eines Reiters mit einer Lanze [„Untitled“ (after Gustave Doré)]. Es handelt sich um Don Quichotte, die tragikomische literarische Figur des 17. Jahrhunderts, die immer wieder Motiv von Kunstwerken gewesen ist, in diesem Fall eines Stiches von Gustave Doré aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dessen Komposition ist Ausgangspunkt für van Ofens Bild. Es ist ungemein treffend, wenn er sich gerade den Quichotte als Sujet heraussucht, eine fiktive Figur, die selbst zwischen Wahrheit und Fiktion nicht unterscheiden kann. Rollenspiele faszinieren van Ofen, seine Malerei ist ja selbst eins. „Das 19. Jahrhundert“, davon ist er überzeugt, „hat Vergangenheiten erfunden“. Er meint das gar nicht vorwurfsvoll – und nähert sich ihm mit Neugier und Respekt. Seine Darstellung des Kronprinzen Friedrich-Wilhelm von Preußen nennt er „The Symbolic Extension of the Self from the Prospect of the Early Contemporaries. Coloured Textile Application in: Anton von Werner, “Kaiser Friedrich als Kronprinz auf dem Hofball 1887", 118 x 95 cm, 1895“. Was hier ein wenig scherzhaft wie eine wissenschaftliche Untersuchung gelabelt wird, ist keine, sondern die radikale Reduzierung dieses beinahe fotorealistischen Gemäldes aus der Berliner Nationalgalerie. Die Figur, die im Zentrum der Komposition aus dem Jahr 1878 steht, wird von van Ofen heruntergebrochen auf jene farbigen Stoffe, die etwas über den Rang des Kronprinzen aussagen. Man sieht nur Details wie Hosenbänder, Schärpe, Manschetten und Kragen, trotzdem ist das ganze Genre des höfischen Bildes sofort da – und die Haltung des preußischen Adels auf dem Höhepunkt seiner Macht im Wilhelminischen Kaiserreich.

Der 1956 geborene van Ofen, der seit 2004 an der Kunstakademie Münster lehrt, verfolgt diesen spielerisch-analytischen Ansatz im Wesentlichen seit den frühen Achtzigerjahren, als er „aus der Moderne ausstieg“ wie er es nennt. Im Jahr 1981 eröffnete eine installativ-konzeptuelle Ausstellung bei Rüdiger Schöttle in München. Doch dann ließ er seine von Blinky Palermo, Michael Asher, Bruce Nauman und anderen Heroen der (Post-)moderne informierte Praxis links liegen und begann figurativ in Öl zu malen. Die dazu notwendigen Fähigkeiten eignete er sich autodidaktisch an. Van Ofen schlug damit einen Seitenweg ein, der die Moderne ausließ, nur um am Ende doch wieder in der Gegenwart zu landen. Ist seine Arbeit deshalb Retro? Nein. Ist sie ein moderner Historismus? Ebensowenig. Van Ofen versucht nicht eine Landschaft des 18. oder ein Historiengemälde des 19. Jahrhunderts nachzubilden. Er analysiert die Komposition und Machart eines solchen Bildes und reduziert es auf die für ihn wesentlichen und interessanten Elemente. Das können bedeutsame Textilien sein, oder auch sämtliche Schuss- und Stichwaffen, die in dem von Federico Faruffini 1862 geschaffenen Historiengemälde „Ernesto Cairoli nella Battaglia di Varese“ zum Einsatz kommen.

Was bis an die Grenze der Abstraktion verknappt ist, ist deshalb noch keine, sondern eine spielerische Verbeugung vor allem vor einem Jahrhundert, das der Künstler für weiterhin unterschätzt hält, das 19. nämlich. Sind nicht hier die großen Umwälzungen passiert? Demokratie, Industrie, Globalisierung? Die Kunst dieses Saeculums wirkt dagegen konservativ. Gerade in der deutschen Kunst schreibt sich bis zum beginnenden 20. Jahrhundert ein altmeisterlicher Gestus fort, der wesentlich ungebrochener bleibt als etwa in Frankreich und der deshalb von der Kunstgeschichte lange unterschätzt wurde und wird.

Van Ofen tut das nicht. Er hat sich etwa jahrelang mit der Figur des preußischen Hofmalers Anton von Werner (1843-1915) auseinandergesetzt. Für die Kunstsammlung des Bundestages realisierte er in der Wilhelmstraße 64 in Berlin einen Zyklus von fünf Wandbildern, die nach Anton-von-Werner-Kompositionen gearbeitet sind. In poppigen Farben führt er die überbordenden Gemälde auf die Dekorapplikationen der handelnden Personen zurück, auf ihre Manschetten, Bordüren, Schärpen, Epauletten, und Hutbänder also. Wichtig dabei: die Wandbilder sind so skaliert, dass einem die gemalten Rangabzeichen in Lebensgröße entgegentreten. Sie werden Teil der Wirklichkeit und bleiben dennoch fremd, denn man sieht die Menschen und den gemalten Raum um sie herum nicht mehr – der Hintergrund ist weiß. Das große Theater des höfischen Historienbildes wird betretbar und verliert gleichzeitig seine illusionistische Komponente. Was ist Eigenkreation, was ist Referenz? In der Düsseldorfer Schau ist beides vertreten. Die an Landschaften erinnernden Gemälde wie „Le Voyage triste“ sind frei erfunden, ohne direkten Bezug auf historische Vorbilder. Dasselbe gilt für die Dame mit Hut von „Virtue Turn 10“ aus dem Jahr 2019. Der „Sketch after Hubert Robert „L’Église de la Sorbonne en ruine““ dagegen trägt seine Referenz schon im Titel, eine zerfallende Kirche des berühmten französischen Ruinenmalers, die hier in wenige annähernd geometrische Formen zergliedert wurde. Das Weglassenkönnen ist entscheidend. Und zwar in doppelter Hinsicht. Wo in der Unterhaltungsindustrie größter Aufwand betrieben wird, um die Oberflächen einer imaginierten Vergangenheit neu entstehen zu lassen, da verstummen für gewöhnlich alle Zweifel an der Gültigkeit des eigenen Zugriffs. Historische Fiktion will den unverstellten Blick wie durch ein Fernglas, die unkomplizierte Verfügungsgewalt über alle Elemente des Vergangenen. Schlechten Historismus erkennt man gerade daran, wie wenig er sich scheut Figuren einer für immer verschwundenen Vergangenheit Dialoge in den Mund zu legen, die zwischen zwei Espressi ins Macbook getippt wurden. Solcher Historismus ist distanzlos, er verwechselt Kulissen mit Geschichte. Was fehlt, ist nicht Wissen, sondern Scheu. Die nötige Mischung von Leichtigkeit und Scheu findet man bei Michael van Ofen. Er zeigt uns die Striche, die er macht, stellt das Gemachte daran aus. Seine äußerst konzentrierte, ihrer eigenen Medialität sehr bewusste Malerei über Malerei entkernt Historienbilder und repräsentative Porträts ebenso wie Landschaftsmalerei und entwirft eine Welt, die schon wegen ihrer Malweise nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden kann. Ihm ist immer bewusst, dass auch und gerade historische Gemälde Bild(er)findungen sind, mit denen bewusst Politik gemacht wurde. Van Ofen geht es, und deshalb lohnt sich die Beschäftigung mit seinem Werk gerade jetzt, nicht um einen existierenden Inhalt, der als gegeben vorausgesetzt wird, sondern um die Möglichkeit einer Annäherung an etwas, das zuallererst ein Bild ist und damit künstlerische Erfindung. Bei van Ofen geht es, anders gesagt, um Malerei im Hier und Jetzt.

Text: Boris Profalla

About Michael van Ofen

Michael van Ofen paints representational images that are tightly cropped or simplified to the point of abstraction, just beyond immediate recognition.

Artworks

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