Julian Charrière + Julius von Bismarck

I Am Afraid

Apr 3rd — May 11th, 2019
Sies + Höke, Düsseldorf

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Installation view
Courtesy the artists; VG Bild-Kunst, Bonn; alexander levy, Berlin; Dittrich & Schlechtriem, Berlin; Sies + Höke, Düsseldorf
Photographer Achim Kukulies, Düsseldorf

Location

Sies + Höke
Poststraße 2+3
Düsseldorf

Featured Artists

  • Julian Charrière + Julius von Bismarck

"You know these stone bridges, which are under protection."
"Yes."
"Well. We thought one of them should be blown up."

Ten years ago, Julius von Bismarck and Julian Charrière met while studying under Olafur Eliasson at Universität der Künste, Berlin. Since then they have been friends, sharing a studio. Since then they have both become internationally successful artists. Their work each is huge and diverse, has been shown in major exhibitions and received several awards. And since their first collaboration "Some pigeons" in 2012, they occasionally work as a duo on specific artistic projects.

From above mentioned Venetian pigeons, sprinkled with food colors, turned into birds of paradise, to a nuclear polluted area, reflected in the eyes of wild deer, or mountains, craters and jungle thickets, which the artists laboriously adorned with graffiti - the collaborative works of Julian Charrière and Julius von Bismarck deal with the relationship between man and nature in surprising and playful ways.

On the occasion of the artists’ first exhibition as a duo, which showed all previous joint projects and opened in late 2018 at Kunstpalais Erlangen, the multi-part work "I must ask you to leave" was created. When the two artists reported to me as curator of the exhibition of their intended project, as quoted above, I certainly first looked at them with surprise. Swallowed. Asked myself what I had gotten into. Was I really about spend a chunk of local museum funds and German cultural subsidies to blow up geological monuments in the USA? When did the two become so radical? At the same time I sensed that this could not be. That they both love nature and that their art goes much deeper than a big bang somewhere in the desert. And indeed, the instant I thought all this came the relief: "But of course we won’t do that," said Julian. Julius added: "We’re going to replicate nature monuments. And blow up those."

The project comprises three steps:
1. Have several natural monuments recreated in original size in a natural environment, recording every detail on film.
2. Blow up the brand new, manmade nature monuments, film and photograph.
3. Anonymously post mobile phone videos of the explosions online and wait to see what happens.

As simple as it sounds, so spectacular and moving is what you see in the exhibition at Sies + Höke.

First there is the construction of the natural monuments, impressively cinematically documented in the finished video "I must ask you to leave", showing in bombastic three-channel format the sheer and unbelievable effort that it took brigades of people only to build something that looks deceptively real, as if nature had created it completely without human intervention. We see workers trimming polystyrene, building metal reinforcements, balancing cement sacks, raising whole artificial rocks on ropes in burning heat. It takes a long time as a viewer to realize what all these people are up to in this impressive landscape – without being able to avert one’s gaze right from the start. When they finally stand there, the stone bridge that seems to have been created only by erosion, the pair of mushroom-shaped rocks, the towering, phallic mountaintop, it's hard to believe that one has just seen workers creating all of this. The instant of the explosion does not appear in the film after all, but appears razor-sharp in large-format photographs. The beauty and perfection of these seemingly natural monuments and the shocking power and finality of the apparently human intervention simultaneously and equally affect the viewer. The third part of the exhibits in the exhibition "I am afraid" will finally feature the international press’ reactions to the viral videos of the explosions, shown on several video monitors. Above all, American television stations and newspapers showed and described the videos, speculating on possible locations of the destroyed monuments and surveying experts. Soon the media came to the conclusion that the videos could only be fakes. Digital animation. By professionals definitely. No one had considered the possibility that the monuments actually existed for real - not natural, but man-made, created for the sole purpose of being blown up. For the purpose of raising the very questions that make the exhibition so intriguing both aesthetically and in terms of content. It is a gigantic fairy tale about mankind's hubris in its eternal struggle against nature, impressive and thoughtful.

Text: Amely Deiss

Pressetext

Du kennst doch diese Steinbrücken, die unter Naturschutz stehen.

Ja“.

Gut. Wir dachten uns, so eine müsste man mal sprengen“.

Vor zehn Jahren lernen sich Julius von Bismarck und Julian Charrière während des Studiums bei Olafur Eliasson an der Universität der Künste in Berlin kennen. Seitdem sind sie Freunde und teilen sich ein Atelier. Seitdem sind sie beide zu international sehr erfolgreichen Künstlern geworden. Ihr Werk ist riesig, vielfältig, in großen Ausstellungen gezeigt und mehrfach ausgezeichnet worden. Und seit ihrem ersten Gemeinschaftswerk „Some pigeons“ im Jahr 2012 arbeiten sie gelegentlich auch als Duo an ganz besonderen künstlerischen Projekten.

Von eben erwähnten venezianischen Tauben, die, mit Lebensmittelfarben besprüht, in Paradiesvögel verwandelt wurden, über ein nuklear verseuchtes Gebiet, das sich in den Augen von Wildtieren spiegelt, bis hin zu Bergen, Kratern und Dschungeldickicht, das die Künstler mit großem Aufwand mit Graffiti beschriften – die Werke von Julian Charrière und Julius von Bismarck denken überraschend und verspielt über das Verhältnis von Mensch und Natur nach.

Anlässlich der ersten Ausstellung der beiden als Duo, die alle bisherigen gemeinsamen Werke zeigte und Ende 2018 im Kunstpalais in Erlangen eröffnete, entstand die mehrteilige Arbeit „I must ask you to leave“. Als die beiden mir als Kuratorin jener Ausstellung von ihrem eingangs zitierten Vorhaben berichteten, schaute ich sie mit Sicherheit ersteinmal entgeistert an. Schluckte. Fragte mich, worauf ich mich da nur eingelassen hatte. Ich sollte also einen Haufen städtisches Museums- und deutsches Kulturfördergeld ausgeben, um in den USA Naturmonumente zu sprengen? Wann hatten sich die beiden so radikalisiert? Gleichzeitig ahnte ich auch, dass das nicht sein könnte. Dass die beiden ja vor allen Dingen die Natur lieben und dass ihre Kunst viel tiefer geht als ein großer Knall irgendwo in der Wüste. Und tatsächlich kam im selben Moment, in dem ich das alles dachte, schon das erleichternde: „Aber das machen wir natürlich nicht“ von Julian. Julius ergänzte: „Wir bauen die Naturmonumente nach. Und sprengen dann die.“

Drei Schritte umfasst das Projekt:

1. Mehrere Naturmonumente in natürlicher Umgebung in Originalgröße nachbauen lassen, jedes Detail dabei filmisch festhalten.

2. Sprengen der nagelneuen, menschengemachten Naturmonumente, filmen und fotografieren.

3. Die mit der Handykamera gefilmten Videos von den Sprengungen anonym ins Internet stellen und warten, was passiert.

So simpel sich das anhört, so spektakulär und ergreifend ist das, was man in der Ausstellung bei Sies + Höke nun sieht.

Da wäre zunächst der Bau der Naturmonumente, der eindrucksvoll filmisch dokumentiert ist und als fertiges Video „I must ask you to leave“ in bombastischem Dreikanal den schier unfassbaren Aufwand zeigt, den ganze Brigaden von Menschen treiben mussten, nur um etwas zu bauen, das anschließend so täuschend echt aussieht, als hätte es die Natur ganz ohne menschliches Zutun geschaffen. Wir sehen Arbeiter Styropor zurechtschneiden, Metallarmierungen bauen, Zementsäcke wuchten, ganze künstliche Felsen an Seilen in glühender Hitze aufrichten. Lange braucht man als Betrachter, bis man ahnt, was all diese Menschen in der beeindruckenden Landschaft da tun - und kann doch von Anfang an den Blick nicht abwenden. Wenn sie schließlich da stehen, die Steinbrücke, die nur durch Erosion entstanden zu sein scheint, das Paar pilzförmiger Felsen, die hoch aufragende, phallusförmige Bergspitze, kann man es kaum fassen, dass man gerade noch Arbeiter beobachtet hat, die all das gebaut haben.

Der Moment der Sprengung schließlich kommt im Film nicht vor, ist jedoch in großformatigen Fotografien messerscharf festgehalten. Die Schönheit und Perfektion dieser scheinbar naturbelassenen Monumente und die schockierende Gewalt und Endgültigkeit des offenbar menschlichen Eingriffs wirken gleichzeitig und gleich stark auf den Betrachter ein.

Den dritten Teil von Exponaten in der Ausstellung „I am afraid“ machen schließlich die auf mehreren Videomonitoren gezeigten Reaktionen der internationalen Presse auf die viralen Videos der Sprengungen aus. Vor allem amerikanische Fernsehsender und Zeitungen zeigten und beschrieben die Videos, mutmaßten über mögliche Standorte der zerstörten Monumente und befragten Experten. Bald schon kamen die Medien zu dem Schluss, dass es sich bei den Videos nur um Fakes handeln konnte. Digitale Animation. Von Profis auf jeden Fall. Niemand hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die Monumente tatsächlich real existiert hatten - nicht naturgewachsen, sondern menschengemacht, zu dem alleinigen Zweck, gesprengt zu werden. Zu dem Zweck, genau die Fragen aufzuwerfen, die die Ausstellung ästhetisch wie inhaltlich so eindringlich stellt. Es ist ein gigantisches Märchen über die Hybris des Menschen in seinem ewigen Kampf gegen die Natur, das einen beeindruckt und nachdenklich zurücklässt.

Text: Amely Deiss


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