Ali Altın & Özlem Altın
We sing with our light
5. Sept. – 2. Okt. 2025
Caprii, Düsseldorf
Text: Veit Loers
Ein ungewöhnliches Geschwisterpaar, diese Altıns, in Goch am Niederrhein geboren und groß geworden, mit türkischen Eltern aus Anatolien. Özlem weist auf bebilderte Handschriften des berühmten mittelalterlichen persischen Arztes und Geographen al-Qazwini als Inspiration hin (gest. 1283) - eine wichtige Quelle für das Sehen der Welt im Mittelalter.
Eine Anleitung auch für heute? Özlem Altın hat die Medien in ihre Collagen geholt. Sie fühlt sich in dieser Ausstellung aber auch als Bewahrerin des künstlerischen Nachlasses ihres früh verstorbenen Bruders Ali. Im Caprii zeigt sie nur wenige Arbeiten: sozusagen als Torwächterin, geplagt von den vielen Gesichten des Bruders und ihrer selbst. Sie öffnet den Blick auf Alis Bildwelt mit geheimnisvollen Collagen, die wie Skulpturen in der medialen Welt ihrer Genese aufscheinen. Sie erreichen Auge und Ohr im erweiterten Sinne, sind also Darstellungsmöglichkeiten von etwas Unbekanntem - in Röntgenaufnahmen oder in Klangfarben, die der Mensch erst einmal entschlüsseln lernen muss.
Und Ali Altıns Bilder? In seinem Werk erschafft er malerische Visionen von Wesen, die sich Menschen nennen und ihrem Erscheinen auf diesem Planeten das Signum „Anthropozän“ aufdrücken wollen. Wie mittelalterliche Bildmuster, zu Disney-Comics mutiert, realistisch versachlicht oder animalistisch schamanisiert, bewohnen sie unbekannte Gefilde, in denen sie ein unbekanntes Leben führen, Seite an Seite mit Tieren. Ein Leben, das uns dennoch bekannt vorkommt. Partys, Totentänze, Aliens, Halloween - nur scheinbar vordergründig.
Die Schatten der antiken Unterwelt haben uns schon lange verlassen, auch wenn sie als Aneignung unseres Bildungsreservoirs immer der Kunst präsent bleiben, von Caravaggio bis Goya, vom Symbolismus bis zu Max Beckmann. Zuweilen zerhackt, zerfranst oder unscharf, doch in Träumen und Halluzinationen nach wie vor präsent. Die platonische Höhle als fingierter Zustand des Menschen lässt sich im kostbaren Blau erahnen, das früher aus afghanischem Lapislazuli gewonnen wurde, selten und kostspielig. Es ist bei Ali eher die Stimmung gelber, grüner und purpurfarbener Welten, in denen man sich blau wie in Ernst Barlachs Bühnenstück ''Der blaue Boll” bewegen kann: märchenhaft grotesk oder surreal komisch.
Entstanden in Düsseldorf in einer Zeit, in der man vor allem in Deutschland die Zwischenbereiche der bildenden Kunst einer soziologischen Prüfung unterziehen wollte, kommen Alis Bilder spontan auf einen zu, auch wenn sie in längeren Prozessen entstanden sind. Der Philosoph Hans Blumenberg hat auf die „Wirklichkeit des Unsichtbaren“ aufmerksam gemacht, nicht als Fantasma, sondern als eine Realität, die aus Begriffen besteht, welche wie in Platons Höhle Leben künstlich erzeugen und sichtbar machen. Ist die Moderne so etwas? Karneval wird hier zum Bild des Hades als Elysium, in dem eine dunkle Sozietät dualistisch ans Tageslicht geholt wird. Ein Gerüst wie ein Tafelbild, in dem künstlerisch konnotiert wird, was anders nicht wahrgenommen werden kann.
Die Ausstellung We sing with our light – Ali Altın & Özlem Altın im Caprii by Sies + Höke ist Part der siebzehnten Ausgabe der Düsseldorf Cologne Open Galleries (DC Open). Sie wird begleitet von eine Ausstellungsbooklet, welches am Eröffnungabend, Freitag 5. Sept 2025, veröffentlicht wird.