Ulrich Erben
12 Bilder für einen Raum | 12 Paintings for One Space

8. März – 5. Apr. 2024
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Das Helle bleibt hell nicht und dunkel nicht das Dunkle
Über Ulrich Erbens Verwandlungskunst


In Irène Némirovskys Roman „Zu Zweit“ werden gleich zu Anfang die Untiefen des Dunklen und des Hellen ausgeleuchtet: Ein junges Liebespaar findet sich nach den Wirren des Krieges in einem leeren Ballsaal, und nach einer langen Nacht mit ihren „so zwiespältigen wie verworrenen“ Gefühlen fallen sie, als die Vorhänge zur Seite geschoben sind, ins Licht des Morgens. „Am hellen Tag“, so schreibt Irene Némirowsky, „hofften sie, wieder zu sich zu kommen.“

Von Ulrich Erbens malerischen Zweierbeziehungen, einhundert Jahre später entstanden, lernen wir, dass dies eine trügerische Hoffnung ist. Kommt man wirklich im Hellen zu sich? Oder ist das Weiß nicht viel zu gleißend dafür? Und kann einen das Dunkle, das Schwarz mit seinem unendlichen Sog, nicht viel besser bergen und schützen?

Ulrich Erbens neueste Ausstellung „12 Bilder für einen Raum“ in der Galerie Sies + Höke ist ein radikales Nachdenken über die beiden Nullpunkte aller Malerei: Das Schwarz und das Weiß, das Dunkle und das Helle. Gerade indem Erben die Dämmerung verweigert, also die Grautöne, die so tröstend sein können und so täuschend, zwingt er uns als Betrachterinnen und Betrachter, Teil dieser schwarz-weißen Rauminstallation zu werden.

Erbens Malerei hat sich früh dem Weiß zugewendet, auf eine so neugierige und konsequente wie zärtliche Weise. Er hat viele Jahre lang die Farbigkeit des Hellen ausgelotet, in dem er mit verschiedenen Weißtönen auf der Leinwand subtile Kunstwerke erschaffen hat, die trotz ihrer Zweidimensionalität eine ungeheure Körperlichkeit besitzen. Danach hat er die Farbe für sich erobert, die klaren Primärfarben und die Nuancen der Übergänge ausgekostet, das langsame Abschmelzen des Rots und des Blaus und die harten Kanten zum Beginn eines neuen, ganz anderen Farbkörpers. Dadurch entsteht eine ganz besondere Dynamik in seinen Bildern, die immer zwischen Kalkül und Gefühl pendelt, eine Wellenbewegung, die einen auch beim Zuschauen sofort erfasst. In den letzten Jahren waren es dann die ganz langsam verdämmernden und heraufdämmernden Töne, die seinen Bildern einen neuen, stillen Zauber schenkten.

Mit „12 Bildern für einen Raum“ geht der 1940 geborene Maler nun einen nächsten, radikalen Schritt. Er verlässt das Reich der leuchtenden Farben, um einerseits zu seiner Auslotung des Universums des Hellen zurückzukehren. Und um andererseits aufzubrechen zu neuartigen Expeditionen in das Reich des Dunklen. Erben geht es darum, in einem Raum ohne Fenster alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lichts zu erobern.

Es sind sechs schwarze und sechs weiße Leinwände, alle im gleichen Format, 100 Zentimeter hoch, 80 Zentimeter breit. Die Farbflächen sind jeweils auf besonders feinsinnige Weise in Schwingung versetzt durch eine manchmal kaum wahrnehmbare senkrechte und eine waagerechte Mittellinie, von der aus die hellen oder dunklen Flächen auslaufen oder auf die sie zulaufen. Wo also plötzlich ein Raum, eine Dreidimensionalität spürbar wird, die sogleich wieder aufgehoben wird durch die Fläche dahinter. So ist jedes Bild ein Unikat, mit einer ganz anderen verhaltenen Stimmung und doch verbinden sich alle miteinander durch die einheitliche Größe und Bildstruktur wie verwandte Gestirne, die still und unaufhörlich umeinander kreisen.

Betritt man den Raum, nimmt man zuerst ein Bildpaar ins Visier, das die gegenüberliegende Wand dominiert: Ein Schwarz und ein Weiß, die ihren jeweils eigenen Charakter stärken im direkten Nebeneinander. Wandert dann aber der Blick nach links oder rechts, finden sich helle Bilderpaare und dunkle Bilderpaare und unsere Augen werden gezwungen, feiner zu justieren, die Nuancen zu erkennen, die auch hier die Duos subtil voneinander unterscheiden – und zugleich miteinander verschleifen. „Das Helle und das Dunkle“, so sagt Erben, „halten sich genau die Waage.“

Ulrich Erbens Kunst war schon immer eine Schule des Sehens. Sie lehrte den Betrachtenden, sich selbst beim Schauen zuzusehen und die Mechanismen der eigenen Wahrnehmung zu begreifen. Selten ist das einprägsamer gelungen als in diesen „12 Bildern für einen Raum“.

Wie ein Vexierbild, bei dem immer wieder die eine Ebene deutlicher wird oder die andere, führt die Konzentration auf die verfließenden Flächen der Leinwände dazu, dass sie sich in einem Moment immer ähnlicher werden und im nächsten ihre Unterschiedlichkeit markieren. Aus einem Blickwinkel scheint das Auge im Dunkel des Schwarz zu versinken und aus einem anderen hält man sich an der Mittellinie fest wie an einem fernen Horizont, hinter dem die Sonne aufzugehen scheint. Und so wird unser Blick immer wieder hin und hergeworfen in diesem kleinen Raum, von links nach rechts und wieder nach links, wie in einem Spiegelkabinett. Ja, der ganze Raum scheint in Bewegung zu sein, ständig angetrieben von unseren Blicken.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Das Weiß und das Schwarz beweisen in Ulrich Erbens Leinwänden ihren Hang zur Unendlichkeit. Das Hell erscheint mit der Zeit immer tiefer, das Dunkle immer leuchtender und genau das ist die Verwandlung, die Erben auf unseren Netzhäuten vollzieht. Die horizontale Mittelinie, die seine Bilder durchzieht, lässt immer wieder landschaftliche Assoziationen in uns Aufflackern – ist die Linie vielleicht doch ein Horizont? Versinkt hier etwa der Himmel ins Meer? Doch kaum hat man das glauben wollen, reißt einen Erben beharrlich zurück in den Bereich der Abstraktion. Die Linie ist bei ihm immer Fallstrick und Rettungsseil zugleich. Denn genau dieses Changieren des Blicks zwischen gegenständlichen Assoziationen und abstrakten Konstruktionen, das Ausbalancieren der unterschiedlichen Sehbewegungen, also jener, die aus der Erinnerung kommt und jener, die aus dem Augenblick entspringt, das ist die Grundkonstante von Erbens singulärer Position in der Malerei der deutschen Nachkriegskunst.

So kalkuliert der neue Raum bei Sies + Höke wirkt, so spielerisch ist er zugleich: Ulrich Erben hat hier vielleicht auch einen Hinweis versteckt auf seine private Lebenssituation, die jahrzehntelange Ehe als Kreativitätsduo mit Ingrid Bachér, die auch gerade in dem tiefgründigen Band „Allein und zu zweit“ ausgelotet wird. Man darf in dem Zusammenspiel der beiden Hälften des Ying und Yang, des Schwarz und des Weiß, des Tanzes, den Sie aufführen, wenn einmal der eine führt und einmal der andere, wenn einmal der eine für sich ist und einmal der andere, auch die Formel für ein glückendes Dasein zu Zweit erkennen. Auf der Leinwand so wie im Leben. Auch in Irene Némirovskys Roman „Zu Zweit“ führen gerade die intensiven Auslotungen des Hellen und des Dunklen am Ende zu einem Leben, das nicht Grau in Grau ist.

Zentral für die Raumkomposition Erbens ist neben den Bildpaaren aber vor allem die Tatsache, dass es sich um zwölf Leinwände handelt, die in einer engen Beziehung zueinander stehen. Die Zwölf ist in der Mathematik eine „erhabene“ Zahl, weil die Summe ihrer Teile vollkommene Zahlen sind – manchmal können also auch aus Ziffern sprachliche Schönheiten entstehen. Die zwölf Leinwände, die eine ähnlich erhabene Ausstrahlung haben, sind aber auch eine Anspielung des altersweisen Ulrich Erben auf eine Skulptur des altersweisen Gott Chronos, der auf seinen Schultern einen Dodekaeder trägt. Dieser Raumkörper mit zwölf Seiten taucht schon bei Dürers berühmter „Melencolia I“ auf – und auch bei Dürer leuchtet schon jede der einzelnen Flächen in einem anderen hellen oder dunklen Ton, weil das Licht nie alle gleichzeitig bescheinen kann.

Die zwölf Apostel, die zwölf Stämme Israels, die zwölf Ritter der Tafelrunde von König Artus, die zwölf griechischen Götter, die Zwölftonmusik – natürlich kennt Ulrich Erben all diese mythologischen und religiösen und musikalischen Aufladungen. Seine Farben sind immer Farben der Erinnerung. Und wenn wir unsere Ohren spitzen und unsere Augen, dann werden wir auch Anklänge von all dem in seinem Raum mit zwölf Bildern sehen, der aus der dunklen Tiefe der Geschichte hineinleuchtet in das grelle Licht unserer Gegenwart.

Text: Florian Illies

About Ulrich Erben

Ulrich Erben (*1940) is a master of reduction. His works are characterized by his virtuoso use of colour and light.

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