Till Megerle
Sprechstunde

22. Nov. 2024 – 3. Jan. 2025
Caprii, Düsseldorf

Copyright the artist; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf
Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Text
Ariane Müller

Till Megerle lebt nun schon eine geraume Zeit seines Lebens in Wien. Er hat in Wien studiert an einer denkmalgeschützten Akademie mit Oberlichtateliers und jahrhundertealten hölzernen Zeichensaaltribünen, wo er nun auch unterrichtet und während des sogenannten Abendakts, den es in dieser Form nun auch schon 300 Jahre gibt, die Stufen hinauf und hinunter steigt, auf denen die Studierenden mit hölzernen Zeichenbrettern die auf einem Podest drapierten Modelle skizzieren. So entstanden die Zeichnungen dieser Ausstellung auch in einer klassischen Altbauwohnung mit ihren hohen Decken und wenigen Zimmern, mit den von Generationen völlig fremder Menschen betretenen Parkettböden, die sich im hier und jetzt wohl keiner leisten könnte, wie sich auch die hohen Räume kein Bauherr leisten würde, und mit den erst viel später eingebauten und oft improvisierten Bädern, deren eigentliche Nicht-Existenz auf ein anderes notwendiges Soziales in den Häusern, auch auf einen anderen Umgang mit dem Körper und dessen spezifisch kulturellem Aspekt der –furchtbares Wort – Sauberkeit, und darin eingebettet mit dessen Winkeln und Ritzen hinweist. All das in Wien, in dem nur wenige Baustile heimisch wurden, zumeist solche, die die Horizontale betonen, einer Stadt, in der der protestantische Begriff der Arbeit nie recht Fuß gefasst hat und in der sicherlich nie so etwas wie eine Jugendkultur ihren Ausgang nahm. Von hier aus muss man also davon ausgehen, dass Till Megerle nicht seine Umgebung skizziert, dass seine Zeichnungen sich nicht aus seiner Umgebung beziehen, sondern aus etwas gezogen werden, an das er sich erinnert, das er ist. Und hier kann man auch seinem Hinweis, der in seiner Methode liegt, folgen. Und sieht die Collage aus Fotografie, dem Medium aus dem er eigentlich kommt, und Zeichnung / Gouache, als das Weiterzeichnen eines Realbilds, der Fotografie, zu einer Raum- Zeit-Annahme in einen größeren, unbestimmten Raum, die zu dem Abbild noch alles mitnotiert, das ihm zu dieser Fotografie einfällt. Farbe, Größe, Dichte der Luft, Temperatur, Wind und die Melancholie, die im Nicht-Wissen um den Stellenwert des Bildes der Fotografie für das Gesamtbild der Erinnerung liegt. War der, der auf der Fotografie für immer lacht und so erinnert werden wird, glücklich? Solche Fragen.

Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Alles, was man auf diesen Bildern erkennen kann, erscheint den WienerInnen und damit auch der Verfasserin zutiefst deutsch, ohne dass es wahrscheinlich den Deutschen als irgendwie speziell deutsch vorkommen würde. Denn das ist wohl das Spezielle – das, was man so tief in sich trägt, dass es schwierig ist, es überhaupt zu erkennen. Dafür, dieses speziell Deutsche in Bilder zu fassen, gibt es seit den frühen 1990er Jahren eine Aufmerksamkeit im internationalen Kunstbetrieb, die mit der Wiedervereinigung und dem Aufstieg Deutschlands als souveräner Staat, abseits seiner Postweltkriegsallianzen – West oder Ost – einherging. Der Boom der sogenannten Leipziger Schule ist so in einer größeren weltweiten Neugier auf ein neues Deutschlandbild zu erklären. Im Westen Deutschlands fingen zur selben Zeit, und ich denke das erste mal seit 1945 und der folgenden, betonten Internationalisierung der deutschen Kunst, KünstlerInnen an, sich mit dem geistigen, seelischen und emotionalen Raum der Landschaft, der Farbe, in die man hinein geboren worden war, auseinanderzusetzen. Das Heimliche und Unheimliche, das Heimelige und das offen Groteske des Deutschen sind die Spielfelder der Arbeiten von KünstlerInnen wie Kai Althoff, Michaela Eichwald, Amelie von Wulffen, Veit Laurent Kurz und zu einem gewissen Teil auch sicherlich von Jonathan Meese. Die Bilder dieser Zeit, die in Deutschland auf das eigentlich Allgemeine verwiesen, Kinderbücher, die Romane von Johannes Mario Simmel, das Pilze Sammeln, Spitzgiebeligkeit und das Hausrockartige und Funktionsfarbige des deutschen Kleiderstils, von dem Walter Benjamin schreibt, erschienen im internationalen Kontext als das spezifisch Groteske und als die Information über das geheime Selbstbild, das man hinter der Definition des sich wiederfindenden Deutschland vermutete, das sich eben als weltoffener Global Player darzustellen begann. Als dessen Gefährlichkeit auch. Diese, auch mit dem Siegeszug der Malerei Gerhard Richters einstweilen etablierte, Kunstströmung ist eventuell der erfolgreichste deutsche Beitrag zur internationalen Kunstentwicklung und wird wiederum in Deutschland selbst als Spezielles gar nicht erkannt. (1)

Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Nun aber lebt Till Megerle in Wien, arbeitet sozusagen zwar aus dieser Landschaft heraus und dennoch aus der räumlichen oder kulturellen Entfernung auf sie sehend, wie man zeitlich auf einen Lebensabschnitt zurückblicken kann als aus Fotografien erzeugte sinnliche Erinnerung im Aufblitzen von Gesten, Frisuren und räumlichen Anordnungen von Personen. In seinen Zeichnungen sind sie zwei Generationen zuzuordnen, überspringen dabei eine, und verknüpfen die der Alten mit der der Jugendlichen. Das ist eigentümlich, auch unauflösbar geheimnisvoll und lässt einen in einer Suche nach der verbindenden Erzählung zurück. Wo spielt sich das ab, in welcher und von wem erinnerten Begebenheit? Zwei nicht handelnde Generationen sieht man, beide im Stadium der Überforderung und deshalb in Gestik und Haltung befangen, mit einer Mitteilung allein gelassen oder direkt die Betrachtenden anstarrend, unter Auslassung der handelnden Macht der Generation der Erwachsenen. Stattdessen eine unbestimmte, mäandernde Verbindung zwischen Alten und Jungen, in langen sich windenden Armen.

Im Bild der Verbindung, ja tendenziell sogar der Fürsorge zwischen diesen zwei Gruppen, liegt immer etwas Bedrohliches. Ja, mir kommt vor, im Bild jeder Verbindung in Till Megerles Zeichnungen liegt immer etwas Bedrohliches, Hyperintensives, Klandestines. Und auch ein Bild des Unberatenen, der, in dieser Bilderwelt seiner Erinnerung herumsegelnd, selbst ohne Rat ist, und auch keinen geben kann. Die skizzenhaften Notate von Engeln sind dagegen wie Selbstvergewisserungen oder Aufrufungen, wie ein sich Bekreuzigen, das man früher tat, wenn man etwas Schreckliches sah.

Das Allgemeine, das er in seinen Bildern verwendet, ist nicht der Alltagskitsch der Deutschen und nicht die Darstellungswelt des gelebten dialektischen Materialismus, sondern die Parallelwelt der Jugendkultur in den Kinderzimmern der deutschen Siedlungshäuser und vor allem zwischen diesen Häusern. Hier weiß man, dass Musik eine wichtige Rolle spielt. Sie spielt sie auch bei Till Megerle mit einem Pathos stummer Musik, gespiegelt im Gesicht der Abgebildeten. Sein Musikprojekt heißt Guiding Light.


(1) Es gibt diese autofiktionale Kunst aber auch andernorts. Der amerikanische Künstler Mike Kelley zum Beispiel, mit dem sich Till Megerle beschäftigt hat, ist der Chronist der Räume und US-amerikanischen Grotesken seiner Herkunft vom platten amerikanischen Land.

Copyright the artist; Christian Andersen, Copenhagen; Caprii by Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

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