Sophie von Hellermann
Love's Labour's Lost
30. Aug. – 28. Sept. 2024
Sies + Höke, Düsseldorf
Ich würde die Malerei von Sophie von Hellermann als höchst wunderlich oder launenhaft (whimsical) bezeichnen – und wäre ich ein echter Internetmensch, würde ich vielleicht noch das Suffix „-core“ hinzufügen. Whimsy-Core als Zustand ist so selten, dass er fast wie ein Widerspruch in sich erscheint, denn das Wunderliche, das Launische – ein kapriziöses Hin und Her, das nie lange genug auf dem Boden bleibt, um einen Standpunkt einzunehmen – steht dem Extremen grundsätzlich entgegen. Doch gerade solche Widersprüche bilden den Nährboden für diese Werke, in denen leuchtende Farbblitze wie Lichter oder Flüssigkeiten umherwirbeln, als könnten sie die Leinwand im Handumdrehen und spurlos verlassen, wie ein Traum, der sich selbst unserer Erinnerung entzieht.
Das liegt zum einen daran, dass von Hellermann selten eine Figur konturiert – kaum ein Bild zeigt eine klare Silhouette –, zum anderen an der Leuchtkraft der Acrylfarben und zum dritten an dem besonderen Tempo bzw. der Dynamik, die jedes Werk ausstrahlt. Von Hellermann arbeitet auf dem Boden und entwickelt ihr Motiv vom Zentrum aus nach außen, wodurch oft eine zentrifugale Komposition entsteht. Das könnte eine Quelle für das bereits erwähnte Tempo sein. Eine weitere Quelle – ebenfalls praktischer Natur – besteht darin, dass ihre Arbeitsweise eine gewisse Effizienz erfordert: Beim Auftragen der Pigmente auf die Leinwand hat die Künstlerin keine Zeit zu verlieren. So erreicht sie den Eindruck von Leichtigkeit, die fluoreszierenden Blitze inmitten der fließenden Formen, der üppigen Farben. Doch die Effizienz verlangt ihrerseits Ausdauer, setzt den Körper unter Spannung. Und so besteht eine weitere Ironie ihres Schaffens darin, dass es viel Mühe kostet, die Malerei so lässig erscheinen zu lassen.
Hier finden wir einen möglichen Grund für die Anlehnung des Ausstellungstitels an Shakespeares Love’s Labour’s Lost. Wo Liebe ist, ist Mühe – und hoffentlich auch umgekehrt – und wenn man etwas liebt, muss man, wie das Sprichwort sagt, auch bereit sein, es loszulassen. Das gilt für Bilder, die das Atelier verlassen, ebenso wie für Kinder, die das Nest verlassen. Es gilt aber auch für die flüchtigen, wunderlichen, launischen Dinge des Lebens.
Tricks und Täuschungen, die Verwirrung darüber, wer wer ist, was real ist und was nicht, prägen Hellermanns Malerei ebenso wie Shakespeares Stück. In der Komödie geht es um eine Gruppe von Männern, die versuchen, dem weiblichen Geschlecht abzuschwören, um sich auf wichtigere Dinge zu konzentrieren – und natürlich an einer Reihe absurder Wendungen und erzählerischer Kunstgriffe kläglich scheitern. Als schließlich nach dem Tod des Königs alle Hochzeiten um drei Jahre verschoben werden, erweisen sich ihre vergeblichen Bemühungen um das Beherrschen der Liebe als völlig vergeblich.
Eine mögliche Deutung des Titels könnte sein, dass so viel über die Liebe gesprochen wurde, dass jede weitere Mühe, die in dieses Streben investiert wird, von vorne herein vergeblich ist. Das ist auch heute noch so, wo jeder Popsong ein Liebesgedicht ist und das Thema Liebe derart aufgeblasen wird, dass es seine Konturen verliert und als Allegorie für fast alles herhalten muss.
Ähnlich verhält es sich mit von Hellermanns Malerei, die so üppig ist, dass sie ihre eigene Atmosphäre übersteigt und am Rande der (Nicht-)Präsenz zu schweben scheint. Deshalb fühlen sie sich auch so kostbar an, so ungreifbar, als ob man besser einen Blick darauf erhaschen sollte, bevor sie verschwinden. In der Ausstellung wird die Liebe als endloser blauer Ozean, als Tagträumerei, als psychedelischer Tanz dargestellt; sie ist ein Kostüm, das man anlegt, unzählige verschickte Briefe, eine Reise zur Hölle und zurück. Aber auf einer grundlegenderen Ebene – qua ihres Status und ihrer Qualität als Malerei – bietet die Liebe auch die Möglichkeit, sich ein anderes Leben, eine andere Art von Welt vorzustellen: Sie ist eine Einladung, unsere Ungläubigkeit auszusetzen.
In Hamlet lautet die berühmte Frage: Ist der Prinz von Dänemark verrückt oder nicht? Aber vielleicht sollten wir uns auch angesichts der oberflächlichen Täuschungen, des Geschlechterschwindels und der Bettstreiche, die in Komödien wie Love’s Labour’s Lost die Handlung vorantreiben, fragen, ob die Figuren wirklich darauf hereinfallen oder ob die Maskierung durch eine Perücke oder die Dunkelheit nicht eher ein Vorwand ist, der es beiden Parteien erlaubt, aus den normativen Grenzen auszubrechen und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen? Wollen wir uns nicht manchmal täuschen lassen? Liegt darin nicht die eigentliche Lust an der Fiktion, am Theater, an der Kunst?
Wenn von Hellerman uns einlädt, unsere Ungläubigkeit abzulegen, und wir die Einladung in ihre auf den Kopf gestellte, schwer fassbare Welt annehmen, können wir keine Unschuld vortäuschen. Bei aller Wunderlichkeit und Launenhaftigkeit sind wir bereits Kompliz*innen –, welche Ambivalenzen auch auftreten, was auch immer der nächste Tag bringen mag, wir haben bereits zugestimmt. Das ist die Bedingung der Komödie: Sie ist lustig, weil sie bissig ist; sie bietet den Anschein von Leichtigkeit nur so, wie ein Trompe- l’oeil die Illusion von Raum schafft. Die eigentliche Pointe liegt woanders, einen Schritt weiter, dort, wo die Illusion zu bröckeln beginnt.
Ich frage mich, ob sich von Hellermanns Kunst mit dem klassischen Genre der Vanitas-Malerei vergleichen lässt, wenn auch nicht im Hinblick auf die traditionellen Sujets – Blumen und Wild und Muscheln –, sondern im Sinne abstrakterer Gefühlsregungen wie der Erwartung, der Hingabe, des stechenden Schmerzes der Freiheit und des Risikos. Auch diese Dinge sind ein Maß der Zeit, sie sind Funken auf den Bahnen unseres Lebens, die so real (und damit auch so vergänglich) sind wie alles andere. Selbst die Erfahrung, an eine Fiktion geglaubt zu haben, ist rückblickend auf eine gewisse Leichtigkeit oder Naivität zurückzuführen, die wir uns selten erlauben – und mit der Zeit immer weniger. Auch in von Hellermanns Malerei liegt die Illusion auf dem Tisch der Eitelkeiten, wie ein Luxusgut, dessen Uhr tickt und das uns entgleiten kann.
Wenn am Ende von Love’s Labour’s Lost die Unwirklichkeit und die zeitliche Suspension, in der die Figuren schwelgten, zerbricht, klopft die Sterblichkeit an die Tür: Der Vater der Prinzessin stirbt, die Pflicht ruft. Von Hellermans Malerei hat für mich immer einen Hauch dieses melancholischen Bewusstseins in sich getragen: das leise Klopfen an der Tür des unvermeidlichen Erwachens. In dieser Ausstellung drückt das Bild my love dies vielleicht am deutlichsten aus: eine Frau auf einer grünen Wiese, die sich das Strichmännchen ihres Geliebten vorstellt, das vom nächsten Windstoß davongetragen werden wird. Aber vielleicht ist es gerade diese Eigenschaft, die von Hellermanns Malerei erdet und sie für uns überhaupt erst erfahrbar macht. Etwas von der Mühe der Liebe ist immer vergeblich – wohl vor allem unsere Fähigkeit, die Früchte der Liebe zu genießen. Liebe, Verlust: Wir können das eine nicht ohne das andere haben. Doch von Hellermann gibt uns mit ihrer Kunst beides zugleich. Wunderlichkeit und Launenhaftigkeit in extremis sind eine eigene Form der Ehrlichkeit.