Paula Allhorn
Interiors
6. März – 17. Apr. 2026
Caprii, Düsseldorf
Durch Zufall begleite ich meinen Freund nach Savannah, der dort auf den Filmfestspielen arbeitet. Es ist eine für amerikanische Verhältnisse unüblich konservierte Stadt. Wenn man aufmerksam ist, wird einem hier die gesamte Geschichte der USA visuell vor Augen gelegt.
Savannah hatte seine Blütezeit zur Zeit des Hochkapitalismus, indem Männer aus allerlei Orten, vornehmlich aus Europa, durch die Herstellung und den Export von Baumwolle und Reis, hier ankommen und an großes Geld gelangen. Savannah als Hafenstadt diente als Umschlagsort, an dem diese Waren auf umliegenden Plantagen hergestellt und nach Europa und Nordamerika verschickt wurden. Die Frühindustriellen errichteten sich große Prachtbauten innerhalb der Stadt, aber durchaus nicht, um dort zu leben. Die Bauten werden nur vierteljährlich bewohnt, um die Geschäfte unter Kontrolle zu halten und tragen einen symbolischen Wert, der Achtung erzeugt, gegenüber den zurückgebliebenen arbeitenden Menschen. Den Rest des Jahres hält man sich an Orten auf, die kulturell florierender erscheinen und weniger von Hitze geplagt sind. Die umsatzprächtige Plantagenwirtschaft der amerikanischen Südstaaten war gestützt auf den Säulen von zur Arbeit gezwungener, der Heimat beraubter Menschen. Dieses System fällt mit dem verlorenen Sezessionskrieg in sich zusammen. Der Süden verliert seine wirtschaftliche Relevanz und die reichen Plantagen und Villenbesitzer verlassen das Gebiet an lukrativere Orte.
Zurück bleibt eine kleine Stadt im repräsentativen Kostüm des Hochkapitalismus, vielerorts leerstehend. Die Historic Savannah Foundation, welche 1955 gegründet wurde, verhinderte jedoch das Abreißen der Häuser im Stil des Früh-Klassizismus und der Griechischen Renaissance. Im Gegensatz zu anderen Orten in den Südstaaten werden diese nicht durch Malls und Parkplätze ersetzt, sondern gekauft und restauriert. Was heute verbleibt ist eine Landschaft von Hausmuseen, welche die Geschichte und das Interieur der ersten früh-industriellen Gründerfamilien der Vereinten Nationen von Amerika aufbewahrt und konserviert.
Das 19. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert, in dem sich eine neu gefundene bürgerliche Klasse im Gegensatz zum Adel, noch mehr im Gegensatz zur einfachen Arbeiterklasse, durch ihr repräsentatives und schmuckvolles Interieur ausstellt, kulturell definiert und behauptet. Ein derart ausgearbeiteter Überblick über Klein- und Großobjekte des 19. Jahrhunderts, wie sie in Savannah vorzufinden ist, erinnert mich an Walter Benjamins ausführlichen Analysen des Interieurs der Bourgeoisie im 19. Jahrhundert. Über die Analyse Benjamins, die aus einer Ansammlung von Zitaten besteht, gelange ich an einen Frühtext von Adorno über den Philosophen Kierkegaard aus dem Jahr 1933. Adorno versteht Kierkegaard durch die Zeit, in der Kierkegaard lebte, dem frühen 19. Jahrhundert. Die Zeit einer übermächtig wachsenden kapitalistischen Außenwelt bildet die Grundlage für alle möglichen Versuchungen dinglicher Art. Kierkegaard schreibt als entfremdetes Subjekt aus einer Wirklichkeit, die bloß nur noch als Ware an ihn herangebracht wird. Fliehend vor dieser Verdinglichung zieht er sich in eine reine ‚Innerlichkeit‘ zurück. Einzig der Gedanke beherrscht hier das Feld, die ‚objektlose Innerlichkeit‘ wird zum Ideal.
„Wer die Schätze der Welt besitzt, der hat sie, wie er sie auch erlangt hat; in der geistigen Welt aber ist es anders.“¹
Obwohl die Welt der Dinge aus Kierkegaards absoluter Innerlichkeit ausgeschlossen ist, bestimmt sie seine Metaphern weiterhin unbewusst – häufig über Interieurs, die seiner beengten, bürgerlichen Privatexistenz entstammen. Adorno behauptet die Beschreibungen des Interieurs in Kierkegaard hätten gerade aufgrund ihrer unbewussten Dynamik einen objektiv-historischen Gehalt. Er untersucht ihr hinausdeutende informative Kraft aus den abgeschlossenen bürgerlichen Wohnräumen des 19. Jahrhunderts heraus.
»Alle Raumgestalten des Intérieurs sind bloße Dekoration; fremd dem Zweck, (...). Deren Scheincharakter ist geschichtlich-ökonomisch produziert durch die Entfremdung von Ding und Gebrauchswert. Aber im Intérieur verharren die Dinge nicht fremd ... Den entfremdeten wandelt Fremdheit gerade sich zum Ausdruck, die stummen reden als ›Symbole‹. (...) Archaische Bilder gehen im Intérieur auf: das der Blume als des organischen Lebens; das des Orients als der namentlichen Heimat von Sehnsucht; das des Meeres als das der Ewigkeit selber. Denn der Schein, zu welchem die Dinge ihre geschichtliche Stunde verdammt, ist ewig.«²
Paula Allhorn beendete ihr Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf unter Trisha Donnelly in 2023. Seitdem ist sie für das Regieprogramm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin eingeschrieben.
- Sören Kierkegaard: „Stadien auf dem Lebensweg“, Sämtliche Werke Band 4.
- Theodor Wiesengrund-Adorno: „Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen“, Habilitationsschrift, 1931.
Text von Paula Allhorn