Olivia van Kuiken
Losing looking leaving
30. Aug. – 28. Sept. 2024
Caprii, Düsseldorf
Auszug aus dem Illustrator’s Figure Reference Manual, 1987.
Olivia van Kuiken beschreibt ihre Arbeitsweise oft als „elliptisch“, was sich sowohl in der Form als auch in der Thematik ihrer Arbeiten widerspiegelt. Diese Pluralität ist charakteristisch für ihre Praxis, in der sie durch ein Universum voller Sadescher Gewalt, technologischen Affinitäten und lyrischer Poesie surft. Ihr Werk dreht sich um Assoziationsketten und unterbrochene Gedankengänge, die Grundpfeiler von Sprachspielen. Durch Abstraktion und Wiederholung der von van Kuiken gewählten Formen entstehen imaginäre Komplexe. Ihr forschungsbasiertes Blickfeld wird ständig neu verhandelt, auch wenn sie dazu neigt, vertraute Themen darzustellen, die aus der Vergangenheit nachhallen. Schließlich gehören die Bilder niemandem, es ist alles ein einziges Durchmischen von Künstler*innen und Generationen.
Zuvor las van Kuiken das absurde Theaterstück Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade von Peter Weiss, das von Artauds Theater der Grausamkeit inspiriert ist und den zentralen Bezugspunkt der Einzelausstellung Losing looking leaving bildet. Die Struktur des Stücks, das unmittelbar nach der Französischen Revolution spielt, gliedert sich in mehrere Ebenen. Im Zentrum steht der Tod Jean-Paul Marats sowie der politische Diskurs, der sich zwischen ihm und seiner Mörderin Charlotte Corday entspinnt. Darüber entfaltet sich eine Inszenierung, die der Marquis de Sade anlässlich der Ermordung von Marat mit Anstaltsinsassinnen als Darstellerinnen inszenierte. Die Atmosphäre der Inszenierung ist weitgehend nihilistisch und entspricht de Sades Verständnis von Politik als hoffnungslos. Van Kuikens Interesse gilt dabei nicht nur den fragmentierten Erzählungen, sondern auch dem düsteren Ton von Weiss’ Text, der sich in ihrer Malerei spiegelt. Zudem setzt sie sich mit den reflexiven formalen und inhaltlichen Interventionen des Autors auseinander.
Das Bühnenbild gehört zum festen Repertoire der Künstlerin und ist ein zentrales Element ihres aktuellen Werkkomplexes. Nude Descending The Staircase -1 zeugt von van Kuikens Rezeption des italienischen Bühnenbildners Carlo Vigarani. Dessen Bühnenbild für den Hauptakt von Les Plaisirs de l'Île Enchantée stellt den „brennenden Palast von Versailles“ dar. Hier zeigt sich eindrücklich, wie ein Raum durch die Innovationen des westlichen Bühnenbildes geschaffen wird. Eine andere reizvolle Interpretation des Themas ist Le Feu d’artifice (1887) von James Ensor, in dem der belgische Maler eine Kakophonie von Feuer vor einem nächtlichen Himmel darstellt. Die pastos aufgetragenen Pigmente bilden einen Kontrapunkt zu den für van Kuiken typischen flachen Flächen, die eher der von Greenberg propagierten Zweidimensionalität entsprechen. Ihre gedämpfte Farbpalette zähmt zudem die gewagte Darstellung des Feuers. Die Künstlerin wendet sich von Kanten (edges) ab, ohne sie ganz aufzugeben. Sie stellt die Farbenlehre als Vehikel für die Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst in den Vordergrund, knüpft an die Lehren von Kasimir Malewitsch und Josef Albers an und überträgt das Potenzial des Mediums ins 21 Jahrhundert und darüber hinaus. Von einer Leinwand zurückzutreten und ihre Schwingungen noch zu spüren, lange nachdem man von ihrer Aura eingehüllt wurde, ist eine Erfahrung, von der auch Albers zu berichten wusste. In seinem aufschlussreichen Text Interaction of Colors heißt es: „Die Tatsache, dass das Nachbild oder der Simultankontrast ein psycho-physiologisches Phänomen ist, sollte beweisen, dass kein normales Auge, auch nicht das am besten geschulte, gegen Farbtäuschungen gefeit ist. Wer behauptet, Farben unabhängig von ihren illusorischen Veränderungen zu sehen, täuscht nur sich selbst und sonst niemanden“. Dementsprechend spürt van Kuiken den Wechselwirkungen zwischen den Pigmenten nach, mit wissenschaftlichem Augenmerk dafür, dass neue Empfindungen durch Reibung hervorgerufen werden: Orange neben Grün verwandelt beide Farben zugleich.
Verdünnte Fluchtpunkte sind demnach van Kuikens Lösung für das Problem der Perspektive. Sie konzentriert sich auf bestimmte Anhaltspunkte innerhalb einer Bildebene und bricht diese auf, um eine neue Wahrnehmungserfahrung zu schaffen. So können sich die Betrachterinnen an bestimmten Punkten festhalten, nur um sie gleich darauf wieder zu verwerfen. Ähnlich formuliert es Viktor Shklovsky: „Kunst existiert, um das Gefühl des Lebens wiederzuerlangen; sie existiert, um Dinge zu fühlen, um den Stein steinig zu machen.“ In seinem Essay „Art as Technique“ geht er auf die Techniken ein, die Künstlerinnen einsetzen, um eine bestimmte Version der Dinge zu vermitteln. Van Kuiken wendet die von Shklovsky beschriebene Methode der Verfremdung an, indem sie bestimmte Elemente aus ihren ausgewählten Motiven herausnimmt und sie in ein völlig neues Ökosystem einfügt.
Rückkehrend zum Bühnenbild hat van Kuiken einen architektonischen Eingriff vorgenommen, der ihr Interesse am Theater und an der kontextuellen Arbitrage unterstreicht. Diese Intervention lässt sich am besten anhand der Betrachtungserfahrung von Dissonant perspectives veranschaulichen. Um sich dem Bild zu nähern, müssen die Besucherinnen eine Rampe überwinden, die zu dem Werk und direkt auf eine von van Kuiken entworfene Bühne führt. Dissonant perspectives fungiert nicht nur als Kulisse für die Handlungen der Betrachterinnen und als imaginäres Bühnenbild für das Stück selbst, sondern auch als Kritik an der Op Art und der Geschichte der Wahrnehmung in der Kunst.
Ein letzter Verbindungspunkt in Losing looking leaving ist eine Serie von karierten Malereien, die als Kontrastmittel dienen. Es handelt sich um geometrische Abstraktion in ihrer zugänglichsten Form: eine Figur, die sich als Zoetrop manifestiert und mit einer aggressiven Flächigkeit kollidiert. Damit widersprechen diese Bilder natürlich der eher chaotischen Bildlogik van Kuikens Bühnenbilder.
Reilly Davidson