Justin de Verteuil
Magpie on a Morning Gallows

22. Nov. 2024 – 11. Jan. 2025
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Text
Jonathan Griffin

Justin de Verteuils intuitiver Prozess des Bildermachens lässt sich wohl am besten als „Bilderfinden“ beschreiben. Selten hat er von vornherein ein fertiges Bild vor Augen, vielmehr sammelt er Elemente, Texturen, Farben und Klänge, während er seinen malerischen Weg der Bedeutungsfindung – oder genauer: der neckischen Andeutung mehrerer möglicher Bedeutungen – beschreitet. Seine eindringlichen Bilder sind vielmehr Bedeutungsgeneratoren als Bedeutungsträger.

Für de Verteuil ist die Entstehung eines Bildes ebenso ein Prozess der Rücknahme wie der Ausführung. Unter den Farbschichten verbergen sich meist mehrere frühere Kompositionen, die später verändert oder verworfen werden. Die Gemälde sind Konstrukte, die sich aus einem unklaren, halbbewussten, hypersensibilisierten Zustand zusammenfügen, in den der Künstler bei seinen Versuchsbewegungen gerät und ab einem bestimmten Punkt mit unvermeidlicher Konsequenz entstehen. „Die Bilder, die mich interessieren, entstehen nie einfach so, sondern eher zufällig, wie wenn man am Radio langsam den Drehknopf dreht, bis man die richtige Frequenz gefunden hat“, sagt er. Jedes seiner Bilder ist das Ergebnis eines langsamen Prozesses, in dem sich Künstler und Werk kennenlernen und de Verteuil herauszufinden versucht, was das entstehende Bild von ihm will oder braucht.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Der Titel der Ausstellung, Magpie on a Morning Gallows (Elster auf einem Morgengalgen), geht auf ein Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahr 1568 zurück, das sich heute in der Sammlung des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt befindet. Dieses außergewöhnliche Werk Bruegels – vermutlich sein letztes, gemalt ein Jahr vor seinem Tod – trägt eigentlich den Titel Die Elster auf dem Galgen (Magpie on the Gallows), aber wie die Titel von de Verteuils Gemälden wurde auch der Titel der Ausstellung bewusst immer wieder verändert, wurde weniger deskriptiv, stärker suggestiv und entwickelte sich zu einer Art Leitmotiv, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht.

Im Einklang mit dem Motiv des ruhenden Vogels vermitteln die Gemälde in de Verteuils Ausstellung ein Gefühl des Werdens, der Ankunft und des bevorstehenden Aufbruchs. Zu sagen, dass die Bilder unfertig wirken, wäre nicht ganz richtig, denn jeder Teil der Leinwand ist sorgfältig bearbeitet, aber sie scheinen das Versprechen weiterer Bilder, weiterer Erzählstränge in sich zu tragen. Torero (Wings with me) ist eine Studie über das Spannungsverhältnis von Ruhe und Bewegung, in der Bereiche der Beständigkeit an Bereiche der Vergänglichkeit grenzen, die in das Licht der der goldenen Stunde getaucht sind. Immaterielle, herabstürzende Vögel und eine Gestalt in der Ferne, die auf uns zukommt oder vielleicht auch vor uns davonläuft, umkreisen den wartenden Torero, der das Zentrum der Komposition bildet.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

In dem großformatigen Gemälde Minnesang sind Teile der dargestellten Gesichter ausgespart, und der gemusterte Pullover einer Figur verschmilzt chamäleonartig mit dem Vorhang, vor dem diese steht. Die gesamte Szenerie scheint sich um einen für die Betrachterinnen unsichtbaren Fluchtpunkt zu ordnen, der nur für die Protagonistinnen des Bildes existiert. Wie in allen Werken de Verteuils steht das Sichtbare im Dienste des Unsichtbaren.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

In räumlicher Hinsicht bergen diese Bilder viele unlösbare Rätsel, Rätsel, die oft mit der Unklarheit darüber zu tun haben, was real und was imaginär ist (Antwort: alles und nichts). Die Räume in de Verteuils Bildern sind beruhigend vertraut, aber auch irritierend inkohärent. In Good Morning Mr Magpie scheinen die beiden Figuren ihre Arme durch eine unmögliche, schräge Öffnung – oder ist es ein Spiegel? – hindurch zu verschränken, während Projector den Raum verzerrt und in jedem Bildausschnitt zwei- und dreidimensionale Elemente zu einem verwirrenden Vexierspiel verschmelzen lässt. (Abermals weder noch). Schatten und Silhouetten sind wiederkehrende Motive in de Verteuils Werk, was die Zuordnung von Beständigkeit und Vergänglichkeit, Präsenz und Erinnerung, Figuration und Abstraktion noch diffiziler macht.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Was passiert also wirklich in den Bildern von de Verteuil? Träumerei ist der Begriff, der mir beim Betrachten dieser Werke immer wieder in den Sinn kommt, auch wenn die Träumerei hier von Unbehagen, Bedauern, unerfüllter Sehnsucht und Traurigkeit geprägt ist. Sowohl die Orte als auch die Menschen sind integraler Teil dieses Zustandes. Man verspürt eine Sehnsucht nach einem unbestimmten Anderswo, nach Orten, an die man sich gut erinnert oder die man sich teilweise ausmalt, die einem in ihrer Stimmung, wenn auch nicht in ihren Details vertraut sind – vielleicht von den lichtdurchfluteten Landschaften der italienischen Meister des Trecento wie Giotto oder Simone Martini oder vielleicht vom zeitgenössischen Tourismus (man beachte die Titel von de Verteuils Gemälden Bergamo oder Toreros sowie das Motiv der Glockentürme, die an anderer Stelle auftauchen).

Andere Bilder wirken prosaischer, näher an der Lebensrealität des Künstlers (de Verteuil ist in Trinidad und Tobago aufgewachsen und lebt seit einigen Jahren in Düsseldorf). So etwa In der lotte, dessen Titel sich von einer Bar in der Nähe des Ateliers des Künstlers ableitet, oder das Badezimmer in Good Morning Mr Magpie. De Verteuils Arbeit ist jedoch nicht autobiografisch, zumindest nicht in ihrer endgültigen Form. Sie zeigt eine Reihe von alternativen Realitäten, Situationen, in denen Menschen (und manchmal Tiere) interagieren, aber ihr Wissen nie mit uns teilen.

In A Ladybird, a Lion and a Leg nehmen eine Elster und ein Löwe das Rechteck der Bildfläche ein, wobei unklar bleibt, ob sie sich gegenseitig wahrnehmen. (Mit den Menschen in seinen Gemälden verhält es sich oft ähnlich.) Elstern sind nicht nur für ihre Intelligenz und ihre angebliche Neigung bekannt, auffällige oder glänzende Gegenstände zu stehlen (eine Analogie zu de Verteuils eigener voyeuristischer Jagd nach Alltagsmotiven), sie sind auch Gegenstand vieler anderer abergläubischer Überlieferungen. Dass Elstern das Blut des Teufels in der Zunge trügen und mit menschlicher Stimme sprechen würden, wenn man ihnen die Zunge herausschneiden und das Blut freisetzen könnte, gehört zu den bizarrsten Vorstellungen des Altertums. Was würden seine Bilder sagen, wenn man ihnen eine Stimme gäbe, fragt sich de Verteuil. Wenig über sich selbst, vermutet er, aber viel über das, was sie gesehen und gehört hätten und was sie über das Leben um sie herum dächten.

Neben einer Elster, die auf einem Galgen sitzt, enthält Bruegel‘s Gemälde viele periphere Bildelemente, darunter eine idyllische Wassermühle, einen Tierschädel, Musikerinnen, Tänzerinnen und einen Mann, der in die Büsche kackt. Allegorische Lesarten des Bildes lassen sich aus jedem dieser Elemente ableiten. Aber Die Elster am Galgen wählte de Verteuil wegen des irritierenden zentralen Motivs: ein Galgen, der als illusionistische unmögliche Figur gemalt ist, dessen Pfostenbasis nicht mit dem darüber liegenden Querbalken zusammenpasst. Der Vogel in Bruegel‘s Gemälde entspricht einem Stilmittel, das sich durch das gesamte Werk de Verteuils zieht: sich leichtfüßig – flüchtig – auf einer konstruierten Täuschung niederzulassen.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
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Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

About Justin de Verteuil

Justin de Verteuil (b.1990) is a Düsseldorf-based artist whose figurative paintings reveal the intricacies of the human experience as an individual existing.

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