Julius von Bismarck
In the Beginning

27. Okt. – 16. Dez. 2023
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Ein Cyborg ist ein kybernetischer Organismus, ein Hybrid aus Maschine und Organismus, eine Kreatur sowohl aus sozialer Realität als auch aus einer Fiktion.

Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs

Im Rahmen seiner Einzelausstellung In the Beginning präsentiert Julius von Bismarck unsere gewohnte Umgebung immer wieder in neuen Gewändern. Ob verkleidete Bäume oder verpackte Pflanzen, die oft bizarr wirkenden Szenen sind eindeutig das Ergebnis menschlichen Handelns. Doch Menschen sind hier nur in Form der Auswirkungen ihres Tuns präsent. Die Protagonisten der Arbeiten sind Pflanzen und ganze Landschaften in einer hochtechnisierten Welt.

Schon 1985 beschreibt Donna Haraway in ihrem Essay Ein Manifest für Cyborgs, wie die Verschmelzung von Maschinen und lebenden Organismen nicht nur Hybride hervorbringt, sondern auch die Überlagerung von gesellschaftlichen Realitäten und Fiktion. Das menschliche Cyborg-Dasein setzt ein mit den ersten Kleidungsstücken. Es ist der Ursprungsmoment, an dem sich der Mensch von der eigenen Umwelt zu lösen beginnt. Von Bismarck überträgt diesen Moment auf Pflanzen und inszeniert Cyborg-Landschaften, die eine fortschreitende Technologisierung unserer Umwelt als gesellschaftlichen Reflexionsmoment nutzen.

Die maschinell gefrästen Aluminiumrahmen der Fotoserie We Were All Naked (2023) geben, wie aus einem Raumschifffenster, den Blick auf fremde Welten frei. Hier sind ganze Landstriche mit Folie überzogen, durch Schläuche ihrer Luft zum Atmen beraubt. Beinahe spinnennetzartig zieht sich Plastikfolie über Steine und kleine Bäume und verwandelt sie in eine fremdartige Umgebung. Der Kontext der menschenleeren Szene lässt sich kaum erahnen.

Von Bismarck konfrontiert uns in dieser eigens für die Ausstellung produzierten Serie damit, dass es für nicht-menschliche Lebewesen oft unmöglich ist, sich schnell genug an die durch menschliche Technologisierung veränderten Bedingungen ihrer Umwelt anzupassen. Wir Menschen sind in der Lage, uns von unserer Umwelt zu isolieren, während die meisten anderen Lebewesen sterben, wenn sie aus ihren Ökosystemen herausgelöst werden. Die Fotoserie entstand in Madagaskar, einem der Biodiversitäts-Hotspots der Erde. Analog zu vakuumverpackten Lebensmitteln verpackt der Künstler hier ursprünglich lebendige Pflanzen in Plastik und vakuumiert sie. Doch dies beraubt sie der Luft zum Atmen. Die Pflanzen werden in ihrem gegenwärtigen Zustand konserviert und sterben zwangsläufig. Gleichzeitig wird durch die glänzende Plastikfolie unsere Unfähigkeit, die eigene Umwelt zu bewahren, gespiegelt.

Auch die Arbeit Heat Shield (2021) präsentiert einen zum Scheitern verurteilten Versuch, ein Naturdenkmal zu bewahren: Der gekachelte Baum im Galerieraum ist ein Hitzeschutzschild, ein maßgeschneidertes Gewand aus Kacheln für den weltältesten Baum, Old Tjikko, der seit 9550 Jahren sämtlichen Naturgewalten trotzt. Die Schutzhülle, die in ihrer Ästhetik an technisch anspruchsvolle Hitzeschilde der Raumfahrtindustrie erinnert, mag den Baum vor Vandalismus oder Feuer schützen, lässt im Inneren aber keinen Raum zum Überleben. Auch hier greift der Künstler den menschlichen Versuch auf, in Systeme einzugreifen, die wir nicht vollends verstehen.

Ceramic, silicate and aluminum
h = 485, Ø 115 cm
Copyright the artist; VG Bild-Kunst, Bonn; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Heliogravure
53.5 x 69 cm
Edition of 20 + 7 AP
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Die Technologie, die uns ermöglicht, die eigene Lebenswelt zu erweitern, führt gleichzeitig zum Verschwinden anderer Lebensformen. Diese Verschiebung, die schon mit dem bloßen Betrachten einsetzt, thematisiert der Künstler in der Videoarbeit Geh aus mein Herz! (2023). Zu sehen sind wogende Baumwipfel, im Wind wehende Gräser und sich verändernde Landstriche, die von Luftströmen bewegt werden. Die akustische Untermalung durch einen Chor suggeriert, dass der Atem der Sängerinnen und Sänger die Baumkronen in sanfte Bewegung versetzt. Tatsächlich entstehen die Bewegungen durch den starken Abwind eines Helikopters, aus dem heraus der Künstler die Landschaft in Bewegung gefilmt hat. Die fast zu schön inszenierte Alpenlandschaft wird von dem Abgas-Atem des Hubschraubers gestört, der die tatsächliche Bewegung der Bäume und Pflanzen auslöst und gleichzeitig einen Blick freigibt, der dem menschlichen Auge ansonsten verwehrt bleibt. So bewirkt allein das Betrachten der Landschaft eine Veränderung in ihr. Die beruhigenden, wogenden Bilder werden von dem Kirchenlied Geh aus, mein Herz, und suche Freud begleitet, gesungen von Verwandten des Künstlers. Das Lied besingt die Schönheit der Natur sowie die Freude an der Naturbetrachtung und unterstreicht hier die christliche, monotheistische Komponente einer gesellschaftlichen Naturkonstruktion.

1-channel video, stereo sound
Edition of 6 + 2AP
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
1-channel video, stereo sound
Edition of 6 + 2AP
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
1-channel video, stereo sound
Edition of 6 + 2AP
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

About Julius von Bismarck

In his works Julius von Bismarck explores people’s ability to perceive, and he uses the laws of physics to challenge the way we are used to seeing things.

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