Hiroka Yamashita
Earthing
11. Okt. – 9. Nov. 2024
Caprii, Düsseldorf
Für die Ausstellung von Hiroka Yamashita im Projektraum Caprii von Sies + Höke präsentiert die Künstlerin aus Okayama eine Reihe neuer Gemälde mit intimen Naturmotiven, die das Alltägliche mit dem Transzendenten verbinden. In diesem Zusammenhang spricht sie mit Kristian Vistrup Madsen über ihre Inspirationsquellen für die Ausstellung.
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KVM: Für die Ausstellung bei Caprii hast du eine Serie relativ kleiner Bilder mit Naturmotiven gemalt. Wie hast du die Ausstellung konzipiert?
HY: Ich hatte gerade eine Ausstellung in der BLUM Gallery in Los Angeles, die bis Ende August lief. Dafür habe ich sieben große Bilder gemalt, deren Ausgangspunkt Szenen aus der japanischen Mythologie und meine Recherche über die traditionelle japanische Performance-Art-Form Kagura waren. Parallel dazu habe ich jedoch an kleineren Bildern gearbeitet, und die Spontaneität, die diese ermöglichen, scheint andere, intimere Inhalte mit sich zu bringen. Diese Kategorie empfand ich als passender für die Ausstellung bei Caprii. Ich liebe die ostasiatische Kalligrafie – ich finde, man kann das Wesen eines Motivs durch die verschiedenen Tintenabstufungen und die Bewegungen des Pinsels ausdrücken. Für mich bieten die kleineren Gemälde eine Gelegenheit, diese Techniken anzuwenden. Es ist eher wie Zeichnen, aber oft gibt es zu Beginn keinen konkreten Plan; ich beginne einfach mit einem Pinselstrich und einer einfachen Farbpalette. Bei „Seedhead“ beispielsweise sind einige Elemente sehr schnell und aggressiv gezeichnet, während andere nebliger und blasser sind. Solche Unterschiede innerhalb eines Bildes können eine interessante Erfahrung darstellen von sich verändernden Proportionen und verlangsamter Zeit.
Wie hast du deine Motive für diese Ausstellung ausgewählt?
Die Inspiration für diese Arbeiten kam teilweise von Hermann Hesse. Ich fand sein Buch „Freude am Garten“ in einem japanischen Antiquariat, und als ich für eine Künstlerresidenz am Bodensee in Deutschland war, besuchte ich sein Haus und seinen Garten, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Es ist ein wunderschöner Ort. Auch ich betreibe Gartenarbeit und baue mein eigenes Gemüse an. Wenn ich diese Bilder betrachte, habe ich das Gefühl, mich selbst wieder im Garten zu erleben, wie ich Insekten und Pflanzen beobachte. Für diese Ausstellung wollte ich jedes Bild auf ein einzelnes Objekt konzentrieren – das ist etwas, das ich noch nie gemacht habe, ein erster Versuch. Das Motiv muss nicht unbedingt schön sein, wichtig ist nur, dass es irgendwie mitschwingt. Oft beginnt das Gemälde jedoch gar nicht mit der Wahl einer bestimmten Pflanze oder eines Tieres. Bei „Ivy“ und „Predation“ zum Beispiel fing ich einfach mit einer Lieblingsfarbe oder ein paar abstrakten Pinselstrichen an, und daraus entstand ganz natürlich eine Form, die mich an etwas aus meinem Alltag erinnerte.
*„Freude am Garten“ könnte auch ein schöner Titel für die Ausstellung sein! Auch wenn es in deinem Garten nicht immer nur Freude gibt... In dem Bild „Stolen Potatoes“ hast du ein großes Format für ein dramatisches und dennoch recht alltägliches Thema gewählt. Es scheint, als stecke da eine Geschichte dahinter.
Ja, eines Morgens wachte ich auf und stellte fest, dass ein Tier mein Kartoffelbeet umgegraben hatte – die Kartoffeln lagen überall herum, es war ein Chaos. Ich machte ein Foto und begann zu malen. Erst später änderten sich die Proportionen: Ich fügte Reisfelder am unteren Rand hinzu, die Landschaft wurde größer, und im Hintergrund tauchten Berge auf. Es ist nicht ganz deutlich, aber ich meine, dass manche Teile wie das Tier aussehen, das die Kartoffeln gestohlen hat – ein schwarzes Wesen mit langen Pfoten und offenem Maul. An einem gewissen Punkt entfernt sich das Bild so von Erfahrungen und betritt den Bereich von Erinnerung oder Fantasie. Ich füge Formen oder Landschaften hinzu, die mir aus meiner Kindheit oder von anderen Bildern vertraut sind. Ein weiteres Beispiel dafür ist das Bild der Schildkröte. Während ich tatsächlich viele Schildkröten sehe, die verzweifelt versuchen, die Straße zu überqueren, wo ich wohne, ohne von einem Auto überfahren zu werden, liegt der eigentliche Grund, warum ich sie gemalt habe, mehr in einer Kindheitserinnerung. Eine Schildkröte in einem Eimer einzufangen, um sie mir genauer anzusehen, doch nach ein paar Stunden ist sie jedes Mal entkommen.
Ja, eine schöne Illustration dafür, wie in deiner Arbeit Erinnerung und Fantasie verschwimmen und sich mit unmittelbaren Alltagserfahrungen vermischen. Diese Herangehensweise ermöglicht es, sowohl das Persönliche als auch die große Erzählung gleichzeitig zu behandeln. Wie integrierst du traditionelle Maltechniken und Mythologien in deine Bilder?
Ich recherchiere gerne, aber in meinen Gemälden geht es nie darum, „echte Geschichte“ darzustellen, sondern eher darum, wie wir die überlieferten Geschichten interpretieren. Ich bin sehr bedacht darauf, wie viele Informationen ich in ein Bild einbringe – nicht, dass meine Arbeiten jemals besonders figurativ wären. Manchmal benutze ich einfach nur bestimmte Farben und weiß, dass sie sich auf die fünf Elemente in der chinesischen und japanischen Philosophie beziehen, wobei jede Farbe eine Bedeutung hat, und das genügt bereits. Ich denke, wir sind irgendwie mit dem Ort verbunden, aus dem wir stammen, mit unseren Vorfahren und ihrer Lebensweise. Selbst wenn wir die Details der Mythologien, auf die sie sich beziehen, nicht kennen, denke ich, dass etwas davon intuitiv auf uns übergeht, sei es durch Farben oder eine bestimmte Stimmung.
Mir gefällt dieser Gedanke, weil er auch bedeutet, dass man jedes beliebige Thema wählen kann – selbst die Kartoffeln in deinem Garten, egal wie klein sie sind – und es trotzdem etwas von dieser Information aus der Vergangenheit enthält.
Ja, auch wenn ich für diese Ausstellung sehr einfache Themen gemalt habe, sind sie dennoch voll von der Geschichte meiner Familie und des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin. Ich genieße es sehr, auf dem Land zu leben und mit den Menschen in meiner Umgebung verbunden zu sein – das ist für mich ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit. Das Leben in einer kleinen, naturnahen Gemeinde ist nicht so gemütlich, wie es viele Städter sich vorstellen. Es gibt so viel zu tun, viel harte Arbeit unter schwierigen Bedingungen. Immer mehr Künstler*innen leben auf dem Land. Und genau das hat auch mein Interesse an der japanischen Mythologie geweckt, denn sie handelt oft davon, wie wir mit den Jahreszeiten, Tieren und Pflanzen in Beziehung stehen. Ich hoffe, dass die Betrachtenden in meinen Werken die Verbindung zwischen diesen beiden Ebenen erkennen: dem Alltäglichen, der körperlichen Arbeit im Garten, und dem Mythischen, das in die Vergangenheit und über individuelle Erfahrungen hinausreicht.
Eines deiner Bilder trägt den Titel „Earthing.“ Was meinst du damit?
Es ist ein Verb, das bedeutet, ein elektrisches Gerät zu erden, aber ich habe es in eine Figur verwandelt, die etwas aus ihrem Körper freigibt, sich mit dem Pfirsichbaum und dem Boden verbindet und dabei die Augen schließt. Vielleicht lässt sie etwas Negatives los.
Das ist eine schöne Metapher für diese ganze Serie von Bildern: Deine Arbeit im Garten als eine Form der Erdung, der Verbindung, nicht nur vom Boden zu nehmen, sondern auch Energie zu teilen und zirkulieren zu lassen.
Hiroka Yamashita (b. 1991) is a contemporary painter based in Okayama, Japan. Trained in Japanese calligraphy, Yamashita fuses techniques from Western and nihonga painterly traditions together with literary references in a style that evades distinct classification. Figuration and abstraction coexist in ethereal and hazy intermundia formed by blurred contours and spontaneously applied colours, ranging from soft pastels to deep somber shades, to embody human sentiments and emotional subtleties in metaphoric expressions of natural and everyday phenomena. Dreamy improbability and animistic sensibilities emanate through compositions meticulously contemplating existence in multidimensional worlds and exploring new articulations of Japanese sensibility on the ephemeral. From otherworldly forces of mythology and their embedded knowledge to the mundane actions of the present, often afflicted with many an instance of historical amnesia, the morphing, gentle surreality of Yamashita’s oeuvre tenderly situates itself between the ominous and the soothing.
Yamashita received her BFA from the School of Visual Arts, New York in 2017 and her MFA from the Mason Gross School of the Arts at Rutgers University, New Jersey (2019). Her most recent solo exhibitions include “こをろこをろ koworo-koworo”, BLUM Los Angeles (2024); Field, Force, Surface, Kiang Malingue, Hong Kong (2022); Fūdo at Tanya Leighton, Berlin (2022); Project N 84 at Tokyo Opera City Art Gallery (2021); Cosmos Remembered at The Club, Tokyo (2021); and Evanescent Horizon (with Naoya Inose) at FOMO Art, Taipei (2021).