Gerhard Richter
Bild und Reflexion | Image and Reflection
15. Mai – 28. Juni 2025
Sies + Höke, Düsseldorf
Insights into the exhibition. Video by Studio Kukulies; Copyright Sies + Höke, Düsseldorf
Mit Bild und Reflexion widmet Sies + Höke Gerhard Richter die fünfte Einzelausstellung in der Galerie. Zu sehen sind 40 Werke unterschiedlichster Medien, darunter Malerei, Glasobjekte, Spiegelarbeiten und Wandteppiche. Im Fokus steht das Motiv der Spiegelung als ein zentrales Prinzip innerhalb von Richters Schaffen. Der Künstler setzt Spiegelungen nicht nur als physisches Phänomen ein – in reflektierenden Glasflächen und tatsächlichen Spiegeln –, sondern auch als bildnerisches Verfahren: durch Wiederholung und Vervielfältigung von Strukturen und Farben, etwa in den Strip-Bildern.
Richter bemerkt 1993: „Jedes Bild ist ein Spiegel.“ Ihn interessieren die Flüchtigkeit und Gleichzeitigkeit von Spiegelbildern – besonders im Vergleich zum gemalten Bild. Beiden traut er keine objektive Wiedergabe von Wirklichkeit zu: Sowohl Spiegel als auch gemalte Bilder zeigen letztlich konstruierte Realitäten. „Im Spiegel treten,“ wie Dieter Schwarz festhält, „physische Präsenz als materielles Objekt und flüchtige Illusion als Bild zusammen, darin vielleicht den Fluoreszenzröhren Dan Flavins vergleichbar, die ebenso materielle Objekte sind und zugleich ephemere Farbräume erzeugen.“
19,5 x 19,5 x 1,5 cm
7 pieces made of polished fine gold
Seit den 1960er-Jahren arbeitet Richter mit Glas und Spiegelungen als bildnerischem Medium. Auf die frühen, sich im Raum bewegenden gerahmten Glasscheiben folgen in den 1980er-Jahren rahmenlose Spiegel, denen Richter in seinem Werkverzeichnis der Bilder Nummern verleiht, gleichrangig mit seinen gemalten Bildern. Die grauen Spiegel, die zu dieser Zeit entstehen, markieren eine Übergangsform: weder klares Abbild noch reine Fläche, sondern etwas dazwischen – eine Zone des Ungewissen, in der Wahrnehmung, Licht und Raum ständig neu verhandelt werden. In Richters Worten: „Weder richtiger Spiegel noch monochromes Bild.“
Noch heute beschäftigt sich Richter mit diesem Prinzip; die jüngste Arbeit der Ausstellung stammt aus dem Jahr 2024 und bescheinigt die ungebrochene Aktualität und Relevanz der Spiegel im Werk Richters. Das Werk 11 Graue Spiegel, übereinander, das hier erstmals öffentlich gezeigt wird, besteht aus elf rückseitig grau beschichteten, übereinander angeordneten Spiegelrechtecken, die eine vertikale Linie auf der Wand bilden. Die insgesamt 3,74 Meter hohe und nur 40 Zentimeter breite Arbeit erinnert in ihrem seriellen Aufbau und reduzierten Format an die minimalistischen Bodenarbeiten Carl Andres. Zugleich thematisiert sie etwas grundlegend anderes: Wer sich im Raum bewegt, erscheint nur kurz in der Spiegelung – ein flüchtiger Moment des Erkennens und Verschwindens. Vergänglichkeit wird hier unmittelbar erfahrbar.
In drei Varianten entsteht in den 1990er-Jahren die matt glänzende Stahlkugel, die den kompletten Raum spiegelnd erfasst und verzerrt wiedergibt. Etwas später beschäftigt sich Richter intensiv mit Glas und verwendet mit Vorliebe spiegelnde Antelio-Scheiben, die er stapelt oder vor die Wand montiert. In ihnen verbindet sich die Idee des Spiegelbilds mit der Negation eines Bildes. Schwarz vergleicht dieses Prinzip mit der Stille bei John Cage: „Diese Gläser waren ein Bild von nichts, doch reflektierten sie, kaum wahrnehmbar, ihre Umgebung und verliehen dem Geschehen einen Schein. Ein Bild von nichts kann es nicht wirklich geben, da sowohl Wand wie Umgebung stets real sind, ebenso wie der sonst kaum gehörte permanente Geräuschteppich, der bei einer Aufführung von John Cages Klavierstück 4' 33" unversehens auffällt.“
18 x 13 x 5 cm
Edition of 30
Ein weiterer Werkkomplex entsteht ab 2008 im Zusammenhang mit Richters Entwurf für das Kölner Domfenster: farbige Malereien hinter Glas mit Titeln wie Aladin, Perizade oder Flow. Hier komponiert Richter aus flüssigen Lackfarben ein Bild, drückt eine Glasscheibe in die nasse Farbe und versiegelt diese rückseitig mit einer Alu-Dibond-Platte. Ähnlich wie bei der Rakeltechnik überführt er damit die kontrollierte Komposition in ein Moment des gesteuerten Zufalls, mit dem er die ursprüngliche Malerei verfremdet. Das Glas fungiert dabei nicht nur als Bildträger, sondern auch als spiegelnde Oberfläche – es erzeugt Tiefe und reflektiert den Raum, während die Lackfarbe darunter jegliche Materialität verliert und zu reiner Farbe wird.
Auch digitale Spiegelungsverfahren finden Eingang in Richters Werk. Ausgehend von dem Abstrakten Bild 724-4 entwickelt der Künstler symmetrische Kompositionen durch horizontale und vertikale Spiegelungen, später durch Fragmentierung, Wiederholung und digitale Verarbeitung. Daraus entstehen Wandteppiche mit den Titeln Musa, Yusuf, Iblan und Abdu, sowie die Strip-Bilder, die dem Prinzip „divided mirrored repeated“ folgen.
In Gerhard Richter. Bild und Reflexion treten Arbeiten unterschiedlichster Medien in Dialog miteinander. Gemeinsam ist ihnen eine Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit des Bildes, seiner Oberflächenhaftigkeit und seiner scheinbaren Objektivität.
Kuratiert von Dieter Schwarz
120 x 170 cm
Die Ausstellung wird von einem Katalog begleitet, welcher im Sommer 2025 erscheint. Die Publikation beinhaltet ein Essay vom Kurator, Dieter Schwarz.