Federico Herrero
Where melodies dwell

24. Mai – 29. Juni 2024
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Text basierend auf dem demnächst erscheinenden Essay Federico Herrero: Die Malerei kann auf dich zurückblicken von Jérôme Sans, 2024

Untitled, 2024

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Federico Herreros achte Einzelausstellung bei Sies + Höke umfasst eine Reihe von Malereien sowie eine eindrückliche In-Situ-Wandmalerei, bestehend aus den für ihn typischen geometrischen Kompositionen in leuchtenden Farben. Der aus Costa Rica stammende Künstler, bekannt für seine ortsspezifischen Wandmalereien und seine aus lebendingen, organischen Formen komponierten Leinwände, versteht Poesie als visuelle Sprache und spürt dem Künstlerischen in allen Lebensbereichen nach. In seinen abstrakten Landschaften, die untrennbar mit der Natur und den Lebewesen verbunden sind und die über die traditionelle Leinwand hinausgehen, wird die Grenze zwischen Kunst und Alltag aufgehoben. Neben großformatigen Leinwänden nutzt Herrero auch Wände, Böden, Decken und Fenster als Bildgrund, um den Formen und Farben Schwingungen, Bewegungen und Klänge zu entlocken und den von ihm bespielten Räumen Musikalität und eine neue Sinnhaftigkeit zu verleihen.

In seinen verschachtelten postgeometrischen Kompositionen erweckt Herrero unregelmäßige, weiche, beinah flüssige Formen zum Leben. Durch Formen, die auf den flachen Oberflächen zu vibrieren, sich auszuweiten und auszudehnen scheinen, gelingt es ihm, mit dem statischen Medium der Malerei kontinuierliche Bewegung zu suggerieren. Dabei reflektieren seine bisweilen übersättigten Kompositionen die Bilder- und Informationsflut des digitalen Zeitalters.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Herreros raumgreifendes Werk schöpft seine Inspiration aus der Architektur und den urbanen Strukturen seiner Heimatstadt San José. Seine Obsession für einen nie endenden und selten vollendeten Stadtkörper ist eng mit dem Thema der Bewegung verbunden. Das besondere Interesse des Künstlers gilt der Art und Weise, wie Formen miteinander interagieren, und der einzigartigen Spannung, die in jenen mehrdeutigen Grenzbereichen entsteht, in denen sich Formen berühren. Wie die Malerin Etel Adnan übersetzt Herrero Farbe in Sprache, in Poesie.

Untrennbar mit dem Erbe der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts verbunden, steht sein Einsatz von Form und Farbe zur Generierung von Bedeutung in der Tradition der berühmten Farbtheorie Wassily Kandinskys und des Umgangs mit Farbe und Form am Bauhaus. Seine weniger präzise, fließende Formensprache überträgt diese Theorien in die Gegenwart, wo sie vor dem Hintergrund der digitalen Revolution neue Resonanz finden. Dabei widersetzt sich seine Bildsprache der für die geometrische Abstraktion typischen Strenge – vielmehr entspricht sie einem „Soft Edge“-Ansatz, der traditionelle Grenzen überwindet und Raum für Interpretationen lässt.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Herreros Hintergrund in der Architektur prägt sein Interesse an der Malerei im öffentlichen Raum, seine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Räume die Wahrnehmung prägen, und sein Bestreben, mit seiner Kunst neue kollektive Räume zu schaffen. Er schätzt die spontane Interaktion mit seiner Umgebung, die für seinen kreativen Prozess unerlässlich ist. Anders als Sol LeWitt, dessen Kompositionen im Voraus genau ausgearbeitet wurden, verlässt sich Herrero auf die Improvisation und bezieht stets den Raum mit ein, in dem er arbeitet, was seinem Werk eine abstrakt-expressionistische Qualität und die Anmutung eines organischen Flusses verleiht.

Herreros Wandgemälde knüpfen an die Tradition der mittelamerikanischen Wandmalerei des frühen 20. Jahrhunderts an. Allerdings unterscheiden sie sich von den politisch aufgeladenen Werken eines Diego Rivera oder David Alfaro Siqueiros, indem sie den gegenwärtigen Moment zelebrieren, die Öffentlichkeit einbeziehen und zur gemeinschaftlichen Reflexion und Interaktion einladen. Herreros Anspruch, die Grenzen zwischen Leben und Kunst zu verwischen, zeigt sich deutlich in seinen alltäglichen Beobachtungen, die er in seinen Fotografien als „found paintings“ festhält. Diese Bilder von leuchtend bunten Mustern oder Motiven, die er auf der Straße findet – Bordsteinkanten, Verkehrsschilder, Gehwege – zeugen von seiner Faszination für die Art und Weise, wie die Malerei in den Alltag findet und die traditionelle Leinwand überwindet. Inspiriert von Künstler*innen wie Hélio Oiticica und Jesús Rafael Soto, die für ihre durchlässigen Werke (Penetrávels bzw. Pénétrables) bekannt sind, betrachtet Herrero Malerei als eine sinnliche und körperliche Erfahrung, die die Betrachter*innen dazu einlädt, in sie einzutauchen und sich in ihr zu bewegen.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

In diesem Rausch der Sinneserfahrungen erscheint Federico Herreros Werk wie eine fröhliche Hymne an das Leben, eine Ode an die grundlegendsten Facetten, die unsere Existenz ausmachen: die Sinne, die Formen und die Farben. Herrero bemerkt: „Mich reizt die Möglichkeit, dass die Bilder etwas über mich wissen, dass sie verstehen, wie sie sein sollen, und dass sie mich leiten können.“ Man muss bereit sein, sich wirklich auf Herreros Arbeiten einzulassen und mit ihnen in einen offenen Dialog zu treten. Für ihn sind wir nicht die einzigen, die schauen. Die Malerei kann den Blick erwidern.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

About Federico Herrero

Federico Herrero is a Costa Rica-based artist whose practice encompasses painting on canvas, public wall-painting and sculptural installations.

Artworks

Previous Exhibition