Emilija Škarnulytė

30. Aug. – 28. Sept. 2024
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Installationsansicht | Emilija Škarnulytė, Æqualia, 2023
Sämtliche Bilder courtesy der Künstlerin; Sies + Höke, Düsseldorf
Fotografie | Tino Kukulies, Düsseldorf
Videografie | Studio Kukulies, Düsseldorf

Eine verdunkelte Schwelle verwandelt sich in eine cineastische Reise durch versetzte Zeitskalen – die immersive Begegnung mit der Künstlerin und Filmemacherin Emilija Škarnulytė verschmilzt die Werke Æqualia (2023) und Aphotic Zone (2022) zu einem einzigartigen zyklischen Dialog. In einer Odyssee von wirbelndem Gewässer und kimmerischen Tiefen verlangsamen sich Zeit und Raum zu einer sinnumfassenden, sympoietischen Vision, die offenbart, was es bedeutet, anders zu werden. Mehr als wir selbst.

Durch ihre performative und linsen-basierte Vorgehensweise arbeitet Škarnulytė an der Schnittstelle von Zwischenwelten - von Dokumentation und spekulativer Fiktion, dem Politischen und dem Poetischen, Skulptur und digitaler Kunst, Körpern und Universen. Ihr interdisziplinärer Ansatz der künstlerischen Sinnbildung erschafft versunkene Studien der Weltgestaltung über stratifizierte Zeiträume hinweg: Durch die sorgfältige Inszenierung von Raum und Größe dehnt und verdreht sie filmische, physische und klangliche Dimensionen zugleich. Menschliche, mehr-als-menschliche und Kamera-bodies werden gleichsam zu zukunftsarchäologischen Werkzeugen, welche die Schichten der Deep Time durchdringen und ästhetische Erfahrungen der Verkörperung und archäologischen Überlegungen zur Zukunft artikulieren. Diese allumfassende Performativität von Raum und Körper - die von der feministischen Quantenphysikerin Karen Barad erdachten, gegenseitigen Implikationen von "Wissen und Sein" widerspiegelt - wirkt deterritorialisierend und erinnert daran, dass keine der beiden wirklich so fixiert ist, wie man vielleicht annimmt.

Insofern, dass wir Wasser sind, sind wir bereits Alien.
Doch wir sind Aliens, um der Erde anzugehören.
Wir sind immer dabei, unsere nächste Anpassung auszuhandeln, auch wenn dies nur unser Körper weiß.

Kuratorin Kate Sutton über Emilija Škarnulytė, 2024

Eine posthumane Chimäre, titelgebend für Æqualia, manifestiert sich als sublime, gegen-mythologische Wegweisung in den wirbelnden Strudeln des Encontro das Águas (Treffen der Wässer) in Brasilien. Teils Nixe, teils Flussdelfin, lockt die rhythmische Reise zur Geburt des Amazonas zu transkorporalen Artikulationen des Menschseins, die im Strom unserer fluiden Welten die Herrschaft aufgeben. Das milchig-weiße Wasser des Solimões mäandert sechs Kilometer hartnäckig mit dem schweren, schwarzen Strom des Rio Negro - eine vom Weltraum aus sichtbarer polychromer Grenze. In ihren Körpern fließen die Zeiten ineinander: eine, aus der Gletscherschmelze stammend, die andere, dunkel vom jungen Zerfall der Tieflandregenwälder, warm und hypoxisch. Der panoramische Blick aus der Luft rückt der Erde näher, während sich die thermisch-sedimentäre Choreografie des Zusammenflusses in den Tanz der Delfine verwandelt, welche sich um die Künstlerin - jetzt eine chimärische Figur - manifestieren. Der Körper wird zum Messinstrument, während er den fraktalen Dimensionen nachspürt, die sich bilden und beschleunigen, bis die beiden Ströme schließlich zu einer Einheit verschmelzen, gleich einer kosmologischen Vision, die die Grenzen zwischen Mythos und Realität auflöst.

Der Rio Solimões und der Rio Negro treffen in fraktalen Wirbeln aufeinander: Ähnliche Phänomene finden sich in verschiedenen dynamischen Umwelten, vom Roten Fleck des Jupiters bis zu fluktuierenden Wolkenformationen der irdischen Atmosphäre.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Das Flussbecken ist die Heimat der rosafarbenen Amazonasdelfine, die von den Heimischen als Botos bezeichnet werden und als Indikator für den Wasserzustand dieses kritischen und empfindlichen Wasserwegs gelten. Nur ein Jahr nach Beendigung der Filmproduktion litt der Amazonas unter übermäßiger Trockenheit, was zu einem Massensterben der bereits gefährdeten Spezies führte. Die verwobene Performance der Künstlerin und der Botos evoziert einen intimen Sinn für evolutionäre Verwandtschaft. Der transhistorische menschliche Akteur - getrennt von der Welt, die er verwandelt hat – wird wieder mit dem Milieu der vielfältigen planetarischen und interplanetarischen Beziehungen in Einklang gebracht, das die komplizierten Netzwerke des Lebens auf der Erde aufrechterhält - unsere inhärente Durchlässigkeit zu ihnen, unsere gegenseitige Empfänglichkeit zum Anderen.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Der Ozean ist Klang—ist Übertragung, ist kosmisch. Wasser ist zugleich Realität und Quantum.

Die reichste Klangwelt der Erde verbirgt sich im vielstimmigen Chor der Ozeane: das Licht der Wasserwelten, der Klang erhellt die Tiefen für die, die hier leben. Es ist auch eine weitere Wahrnehmungsdimension, mit der Škarnulytė formt: Echolotungen lösen sich in dem Widerhall einer vergangenen Zivilisation auf, in einer Klanglandschaft aus hypnotischen, verschlungenen Tönen, je tiefer der Sinkflug geht. Die Ozeane waren im Laufe der menschlichen Evolution ein wichtiger Schauplatz für anthropologische Erkundungen und haben auch kulturell als physisches Simulakrum des menschlichen Unbewussten gedient. Die Gewässer Škarnulytės sind weder ein Sinnbild für Grenzenlosigkeit noch für menschliche Entfremdung oder selbstreflexive Leere. Vielmehr enthüllen sie, wie fließende ozeanische Beziehungen uns dazu bringen, anders zu denken, und wie die Menschheit die Ozeane, wie alles andere in seiner Reichweite, als eine weitere “Reserve” für die Kräfte der Techne ausgenutzt hat. Transzendiert zu einem Hyperobjekt im Morton'schen Sinne, nutzt Škarnulytė diesen Bereich auf eloquente Weise, um die verwirrende zirkuläre Beziehung zwischen Realität und Repräsentation, Materialität und Unbewusstem, Immanenz und visuellem sowie echoischem Gedächtnis, zu erörtern.

In Bernstein kristallisierte Festplatten und Computerchips, Relikte einer Gegenwart, die bald die Vergangenheit unserer Zukunft sein wird.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

In diesem Schwebezustand des Bewusstseins rücken die mikroskopische, freischwebende Coccolithophoren und kristallisierter Bernstein - der Sonnenstein, der lange Zeit als die gehärteten Tränen der baltischen Wassergöttin Jūratė mythologisiert wurde - in den Fokus: atme ein, verbinde dich, atme aus, reflektiere. So, die Kuratorin Barbara Casavecchia in Dear Emilija: Three Letters across Remote Proximities (2023): Körper, ob groß oder winzig, sammeln sich seit jeher in den untersten Schichten der Ozeane an. Sie sind Teil des Wassers, so wie Wasser den Großteil unseres Körpers ausmacht. Können wir das erkennen? Können wir über Skalen hinaus und mit ihnen denken?

Interaktionen zwischen Materien aller Art offenbaren sich, während sich das Licht in die Vergangenheit der Zukünfte verflüchtigt – das Abtauchen in 4000 Meter Tiefe in die Aphotic Zone (2022). Aus der Zukunft durch ewig finstere Gewässer blickend, strahlen leuchtende Quallen über Schwärme von Fischen, unheimliche außerirdische Architekturen tauchen aus dem Äther auf und kuriose Verstrickungen menschlicher, maschineller und mehr-als-menschlicher Akteure materialisieren, verschieben und skalieren den Raum, während Klanggeister vergangener Reiche das Aurale formen. Durch die fließenden Übergänge, zwischen wissenschaftlichem Dokumentarfilm und fortschrittlichen Bildgestaltungstechnologien, hinterfragt Škarnulytė die traditionelle Wahrnehmung des Dokumentarfilms als reine Repräsentation der indexikalischen Realität und artikuliert einen allegorischen Zukunftshorizont, der die Grenzen des Realismus auslotet und die Natur der (un)sichtbaren und spekulativen Realitäten betrachtet.

Die peripatetische Narrative des Dialogs zwischen zwei Werken teleportiert uns in die Tiefen der pazifischen Seeberge Costa Ricas, während sie 4000 Meter tief in Aphotic Zone (2022) untertaucht.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf

In der unheimlichen, ätherischen Tiefe lauern die Ruinen des Duga-Radars, ein Raketenabwehrsystems aus der Sowjetzeit in der Nähe von Tschernobyl (Ukraine), die den Raum verschieben und skalieren, während die akustische Erinnerung an eine vergangene Zivilisation das Klangbild formt. Der Soundtrack von Aphotic Zone wurde von den Toningenieuren und Oscarpreisträgern Jaime Baksht und Michelle Couttolenc abgemischt und basieren auf Tonaufnahmen, die im Zócalo (Hauptplatz) von Mexiko-Stadt anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der spanischen Eroberung von Tenochtitlan aufgenommen wurde. Sie gehören zu Skarnulytes Klangarchiven, die aus ihrer langjährigen Forschung über Räume hervorgegangen sind, in denen zeitgenössische und historische politische Themen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Welten inszeniert werden: von Relikten des Kalten Krieges, Tiefseedatenlagern, Atommülldeponien bis hin zu wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem CERN. Die ehemalige Hauptstadt des Aztekenreichs wird zu einem akustischen Gespenst, das den ökologischen Verlust und die koloniale Trauer widerhallen lässt, während zeitgenössische mexikanische Straßengeräusche auf die Phantomrufe der Menschheit angesichts aktueller sozialer, politischer und ökologischer Signale hinweisen und uns vor dem warnen, was noch folgen könnte.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Aphotic Zone ist ein Paradebeispiel für Škarnulytės Auseinandersetzung mit dem Kern forschungsbasierter Kunstfilme. Die Künstlerin hat sich bei den Dreharbeiten mit Dr. Erik Cordes und weiteren Meeresbiologen der Temple University in Philadelphia zusammengeschlossen, um eine Superkorallenart zu identifizieren, die unter der Erwärmung und Versauerung der Ozeane gedeihen kann.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Dr Erik Cordes and the Schmidt Ocean Institute, Palo Alto

Mit fließenden Bewegungen schwebt die Kamera durch Landschaften und Architekturen, sie scheinen einer anderen Welt anzugehören - die Zeit dehnt sich unregelmäßig aus, wird länger und langsamer. Ein ROV (Remotely Operated Vehicle) nimmt mit seinen Roboterarmen vorsichtig Proben von Tiefseekorallen, während unzählige Lebensformen und fremde Landschaften durch Bilder des zerklüfteten Meeresbodens, generiert aus 3D-Laserscannerdaten sichtbar werden.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Wie der hydrologische Kreislauf selbst, eine kontinuierliche Drehung von fast vier Milliarden Jahren, gibt es in Škarnulytės Einzelausstellung bei Sies + Höke weder einen Anfang noch ein Ende – sondern nur eine ewige Transformation. Subtil und formwandlerisch illuminiert Škarnulytės immersive Installation in ihrer symbolischen Anziehungskraft die verborgene menschliche Hybris und widerlegt Narrative der binären Hyper-Trennung des Menschen von der lebenden Welt. Körper, Raum, Flüsse und Ozeane werden eins und eröffnen ein Portal zur Neuorientierung von Beziehungen und Sinnfindung außerhalb der Skalen unseres anthropozentrischen Zeitalters.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies


Emilija Škarnulytė (geb. 1987) ist eine in Litauen geborene nomadische Künstlerin und Filmemacherin. An der Schnittstelle zwischen Dokumentarfilm und spekulativer Fiktion sind ihre immersiven audiovisuellen Installationen ästhetische Erkundungen der Weltgestaltung über stratifizierte Zeiträume hinweg.

Die Kamera als zukunftsarchäologisches Werkzeug nutzend, durchdringt Škarnulytė die Schichten der Tiefenzeit: von Neutrino-Geistern des Universums bis zu stillgelegten Kernkraftwerken werden vergessene Unterwasserstädte und unheimliche Naturphänomene zum Subjekt von submersen Studien, begleitet von menschlichen und nicht-menschlichen Verstrickungen. Sie artikuliert posthumane Gegenmythologien und archäologische Überlegungen zur Zukunft, fusioniert nahtlos Wissenschaft und Kultur, um Sphären zu erforschen, die vom Kosmischen und Geologischen bis hin zum Ökologischen und Politischen reichen. Die Ruine der Moderne, die aphotischen Tiefen des wässrigen Körpers der Erde ebenso wie die menschliche Psyche prägen die unkartierten Gewässer von Škarnulytės interdisziplinären Arbeiten, die die Spuren menschlicher Hybris offenbaren und neue Orientierungen für Verbindungen und Sinnfindung außerhalb der Maßstäbe unseres anthropozentrischen Zeitalters hervorlocken.

Škarnulytė, Gewinner des Ars Fennica Award 2023 und des Future Generation Art Prize 2019, präsentierte kürzlich Werke auf der Gwangju Biennale, der Henie Onstad Triennale, der Vilnius Biennale und der Helsinki Biennale. Einzelausstellungen sind u.a.: Kunsthalle Trondheim (2024); Kunsthaus Göttingen (2024); Ferme-Asile, Sion (2023); Tate Modern, London (2021); Kunsthaus Pasquart, Biel/Bienne (2021); Den Frie, Kopenhagen (2021); National Gallery of Vilnius (2021); Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2017); und Contemporary Art Centre CAC of Vilnius (2015). Sie repräsentierte Litauen auf der XXII. Triennale di Milano und nahm am baltischen Pavillon auf der Architekturbiennale 2018 in Venedig teil. Ihre Filme befinden sich in den Sammlungen der IFA, der Kadist Foundation und des Centre Pompidou und wurden in der Serpentine Gallery, London, im Centre Pompidou, Paris, und im Museum of Modern Art in New York sowie auf zahlreichen Filmfestivals gezeigt.

Zu den kommenden Ausstellungen gehören die Gruppenausstellungen OCEAN im Louisiana Museum of Modern Art und Les Frontières sont des animaux nocturnes / Borders are Nocturnal Animals im Palais de Tokyo und Kadist, Paris, sowie die Einzelausstellung in der Tate St. Ives, Cornwall, die im Oktober 2025 eröffnet wird.

Emilija Škarnulytė, Aphotic Zone, 2022 [still]
Courtesy the artist; Sies + Höke, Düsseldorf.
Im Auftrag und produziert von Fondazione In Between Art Film.

About Emilija Škarnulytė

Emilija Škarnulytė (b. 1987, Vilnius) is a nomadic artist and filmmaker working between the realms of the documentary and the imaginary.

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