Dorota Jurczak
Blumka

22. Nov. 2024 – 3. Jan. 2025
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

In ihrer Stilisierung wirken die Reliefbüsten von Dorota Jurczak fast ein wenig archaisch. Das liegt auch daran, dass diese skulpturalen Porträts mit ihren langen Hälsen, der zeitlosen Kleidung und der nur latent individualisierten Physiognomie Stellvertreterfunktion übernehmen: Es sind abstrahierte, aber dennoch mit prägnanten Attributen ausgestattete Charaktere. Trotz ihrer zurückgenommenen Selbstgenügsamkeit strahlen sie eine subtile Eloquenz aus. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, ihnen irgendwo in ähnlicher Form schon einmal begegnet zu sein. Etwas fast Volkstümliches scheint in ihnen auf, gefiltert durch dessen verfremdete Präsenz in Werbung und Comic, in Alltagskultur und Design. Die nivellierende Niedlichkeit, die letztere auszeichnet, fehlt diesen Arbeiten jedoch, und auch ihre konsequente Ablehnung zeitgenössisch anmutender Einschreibungen, die Wahl klassischer Materialien und Techniken, in diesem Fall glasiertes Steingut, verleiht ihnen eine zeitlose Intensität.

Form und Material stehen bei Dorota Jurczaks Arbeiten stets in unmittelbarer Verbindung: Der Stoff, aus dem etwas gefertigt ist, der Prozess, in dem es entstanden ist, das Motivische, das sich materialisiert, und seine Farbigkeit bilden eine Fusion, bei der die Entscheidungsketten kausal, aber nicht zwangsläufig linear verlaufen. Ihre menschlichen Wesen und tierischen Geschöpfe zeigen leicht surrealistische Verfremdungen, vor allem aber schöpfen sie in ihrer Stilisierung aus einer Sprache der Moderne, die sich gegenüber dem Vernakulären, dem Folkloristischen, geöffnet und dieses als organisch gewachsene, vor-moderne Form weiterentwickelt hat. Für das Arts and Crafts, später das Art Nouveau stellte der neu interpretierende Blick auf eine das Handwerkliche ins Dekorative übersetzende Formensprache ein zentrale Quelle dar. Jugendstil und folkloristische Motive gingen eine genuine Symbiose ein, die das Volkstümlichen zum Teil einer avancierten Gegenwartskunst machte und positiv konnotierte. Später waren es Elemente der Populärkultur, des Plakatdesigns, des Puppen- und Marionettentheaters oder des Scherenschnitts, die sich der bildenden Kunst mit ihren Referenzen einer Neuproduktion einschrieben. All das spielt bei Dorota Jurczaks Arbeiten eine Rolle, und doch entsteht etwas ganz Eigenes, das elegant und einfach, direkt und doch verrätselt ist. Es wirkt wie aus der Zeit gefallen, ohne anachronistisch zu sein, und beharrt fast ein wenig trotzig auf der Souveränität seiner Gestalt, die diese Referenzen kennt, ohne sie rein strategisch zum Einsatz zu bringen.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

Form and material are always directly connected in Dorota Jurczak’s works: the material from which something is made, the process by which it is created, the motif that materializes, and the use of color form a fusion in which the decision-making chains are causal, but not necessarily linear. Her human beings and animal creatures exhibit slightly surrealist distortions, but above all, their stylization draws on a modernist idiom that embraces the vernacular, the folkloric, and has refined this into an organically grown, pre-modern form. For the Arts and Crafts movement, and later Art Nouveau, the new interpretation of a formal language that translates the artisanal into the decorative was a central pillar. Art Nouveau and folkloric motifs entered into a genuine symbiosis that made folk culture part of an advanced contemporary art and gave it positive connotations. Later, it was elements of popular culture, poster design, puppet and marionette theaters, and silhouettes—with their references to a new form of production—that were inscribed into the visual arts. All of this plays a role in Dorota Jurczak’s work, but what she produces is rather unique, elegant and simple, direct yet enigmatic. It seems antiquated without being anachronistic, and almost defiantly asserts the sovereignty of its form, which acknowledges these references without deploying them in a purely strategic way.

Die drei Reliefs aus Steingut sind mit einer weißen Ascheglasur versehen, die an traditionelle japanische Teeschalen erinnert. Matte und glänzende Partien gehen ineinander über und produzieren Lichteffekte, die die Statik der Arbeiten aufzubrechen scheint. Die Augen der Dreiergruppe sind geschlossen, ihre Münder jedoch leicht geöffnet, was den paradoxen Eindruck einer Belebtheit bei gleichzeitigem Tiefschlaf erweckt. Nicht zuletzt solche Irritationen machen Jurczaks Wesen zu Vertretern einer latent unheimlichen Spezies, Wiedergängern aus der Vergangenheit, die uns wie die Büsten antiker Grabmale oder steinerne Stifterporträts aus Kirchen entgegentreten. Sie wenden sich frontal an uns, suchen aber keinen Kontakt. Je länger wir sie betrachten, desto mehr machen wir sie zu Projektionsflächen unserer Selbst. Vielleicht könnten diese leblosen Gegenstände doch beseelt sein. Immer mehr laden sich die Artefakt mit Bedeutung auf, ohne rationale Antworten für ihre ambivalente, eigentümliche Anziehungskraft zu geben. Die dunkel glasierten Tierplastiken scheinen zunächst einen Kontrast zu diesem Ensemble zu bilden. Die Schweineköpfe auf ihrem flaschenartigen Korpus erwecken den Eindruck von Gefäßen, die zum Lebewesen mutiert sind. Mit ihrer prägnanten Schnauze und den spitzen Ohren erinnern sie an Darstellungen aus Kinderbüchern, aus Filmen und Comics, wo sie als liebenswerte Kreaturen in Gestalt des Schweinchen Dick oder des Peppa Wutz auftreten. Und doch scheint die Synthese aus domestizierter Tiergestalt und praktischem Zweck hier dunkler konnotiert. Angesicht ihrer Größe denkt man eher an antike Behältnisse, rituelle Gegenstände möglicherweise, als an dekorativ überhöhte Gebrauchsobjekte. Wie bei den Reliefs ist nichts eindeutig und jede Sichtweise legitim. Denn auch wenn sie in ihrer figurativen Ausformulierung einfach lesbar scheinen, bleiben Jurczaks Werke enigmatisch. Sie rufen ein irgendwo gespeichertes Wissen ab, eine intuitive Einordnung, die sie jedoch weder bestätigen noch negieren. In dieser Zone des Unbestimmten bewegen sie sich von einem Pol zum anderen, scheinen nahbar und vertraut, dann wieder weit weg von unserer Gegenwart, surreal verfremdet und zutiefst psychologisiert. Über ihre Materialität schlagen sie eine Brücke in die Vergangenheit, über ihre Formensprache eine Verbindung zu kulturell geschichtlichen, meist aber nur assoziativ abrufbaren Referenzen. Alles liegt klar vor uns, und doch schwindet seine Eindeutigkeit, je langer wir es betrachten.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies

The dark glazed animal sculptures initially appear to form a contrast to this ensemble. The pigs’ heads on their bottle-shaped bodies give the impression of vessels that have mutated into living creatures. With their distinctive snouts and pointed ears, they are reminiscent of depictions from children’s books, films, and comics, where they appear as lovable creatures in the form of Porky Pig or Peppa Pig. And yet this combination of a domesticated animal form and a practical purpose seems to have darker connotations here. Their size makes the viewer think of ancient vessels, possibly ritual objects, more than exaggeratedly decorative everyday objects. As with the reliefs, nothing is clear and every point of view is legitimate. Although their figurative execution seems easy to interpret, Jurczak’s works remain enigmatic. They evoke a knowledge stored somewhere, an intuitive classification, which they neither affirm nor negate. In this gray area, they oscillate from one extreme to the other, seeming approachable and familiar at times, and then far removed from our present age, surreally distorted, and deeply psychological at others. Their materiality builds a bridge to the past, while their formal language forges a connection to cultural and historical references that can usually only be accessed associatively. Everything lies clearly before us, and yet its clarity fades the longer we look at it.

Text
Vanessa Joan Müller

Taka Kagimoto
RINGOFVIBRATION

Copyright the artist

Live concert
Nov 22nd, 7.30 pm

Invited by Dorota Jurczak, Düsseldorf based artist Taka Kagitomi will perform a musical piece during the opening.

The reinterpretation of functions and associations of everyday objects holds a special place in the works of Taka Kagitomi. From 2003 to 2011, Kagitomi studied Fine Arts and Painting at the Düsseldorf Art Academy under Prof. A. R. Penck and Prof. Tal R, where he became a master student. Since then he has taken a prominent position in the local scene. In his works the visual artist researches acoustic vibrations, forming the basis of communication. He works with tree trunks, branches and roots as well as natural objects and found objects, eliciting vibrations from them that are amplified electronically.

About Dorota Jurczak

In her works Dorota Jurczak drives the abundance of colour and pattern towards the visual contents of the gloomy and uncanny.

Artworks

Parallel Exhibition