Claudia Wieser
The Auratic Object

12. Apr. – 11. Mai 2024
Sies + Höke, Düsseldorf

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; in collaboration with the TextielLab, the TextielMuseum’s professional workshop, Tilburg; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Text
Kito Nedo

Materialien, so stellte Monika Wagner einmal fest, sind „Indikatoren gesellschaftlicher Empfindlichkeiten“. Denn sie sind mit der „Geschichte ihrer Verwendungsweisen“ angereichert. Schon allein dadurch vermitteln sich mit ihnen soziale Codes. Beim Transfer aus dem praktisch-funktionalen in den ästhetischen Bereich, so die Hamburger Kunstwissenschaftlerin weiter, werde die Ordnung und damit die „Hierarchie der Materialien“ gründlich durcheinandergeschüttelt; die „liebgewonnenen Grenzverläufe zwischen High and Low“ würden damit verschoben.

Die zu Teppichen verknüpften Fasern mit ihrer reichen Kulturgeschichte und vielfältigen Codierungen sind in solch einer Hierarchie von vornherein schwer einzuordnen. Denn sie erscheinen schon früh auf vielfältige Weise mit allem verbunden: mit High und Low, mit dem praktisch-funktionalen Bereich und dem Reich von Kunst und Repräsentation, mit Handwerk und Hightech, als unterliegendes Medium sakraler wie profaner Rituale genauso wie mit dem Feld modernistischer Experimente. Für manche Menschen stellen jene kunstvollen textilen Verknüpfungen sogar die still vorausgesetzte hierarchische Stellung der Kunst als solcher infrage. Le Corbusier etwa hielt den Bildteppich für den adäquaten Schmuck der Behausung des modernen Nomaden, nicht das Gemälde.

„Weben ist ein komplexer Vorgang“ sagt Claudia Wieser, die für ihre Ausstellung ein halbes Dutzend großformatiger Wandteppiche produziert hat. Die Tapisserien der Berliner Künstlerin sind hybride Collagen aus verschiedenen Bildsorten: malerische und zeichnerische Elemente, fotografische Fundstücke, organische und geometrische Formen. In einer spezialisierten Weberei nahm Wieser, die ihre Vorlagen zunächst als digitale Collagen am Computer erstellt, das Spiel mit verschiedenen Materialien und Formen auf. Während der Produktion war es der Künstlerin möglich, in den Webprozess der Maschine einzugreifen und auf diese Weise unmittelbaren Einfluss auf das Ergebnis zu nehmen. Die Hybridität zeigt sich aber nicht nur daran, was verwoben wurde, nämlich Baumwolle, Wollgarn, Silberfäden, Kunststoffe und Kaschmir, sondern auch wie diese Materialien verwoben sind. Mithilfe unterschiedlicher Modi des Webens, einer Variierung der Flottierung von Schuss- und Kettfäden, verstärkte die Künstlerin den dreidimensionalen Charakter des Gewebes.

Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf

Der Ausstellungstitel The Auratic Object lässt sich als Referenz auf Walter Benjamin und dessen 1936 publizierten Kunstwerkaufsatz lesen, in welchem der Autor die Aura als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ definiert, um gleich auch ihren „Verfall“ infolge ihrer technischen Reproduzierbarkeit mittels Fotografie und Film zu diagnostizieren. Benjamin sagte eine „testende“ Zerstreuung als neue Form der Kunstwahrnehmung voraus. Claudia Wiesers gewebte Bilder lassen sich in diesem Sinne vielleicht als Einladung zum Testen der eigenen sinnlichen Wahrnehmung verstehen: haptisch und visuell. Sie öffnen einen Raum immenser Zeitlichkeit, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander fallen.

Woven textile (elirex, linen, cotton, merino wool and lurex)
310 x 505 cm
Edition of 3 + 1 AP
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo in collaboration with the TextielLab, the TextielMuseum’s professional workshop; Tino Kukulies, Düsseldorf
Copyright the artist; Sies + Höke, Düsseldorf; Photo in collaboration with the TextielLab, the TextielMuseum’s professional workshop; Tino Kukulies, Düsseldorf

About Claudia Wieser

Claudia Wieser is a Berlin-based artist who creates drawings, sculptures, wall installations and tapestries based on the principle of geometric abstraction.

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