Thomas Kiesewetter
13. März 2010 – 10. April 2010
Eröffnung: Freitag, 12. März 19-21 Uhr
Sies + Höke präsentiert mit Thomas Kiesewetter (*1963) einen Neuzugang der Galerie, der bereits in zahlreichen internationalen Kontexten gezeigt wurde. In Deutschland ist dies die dritte Einzelausstellung des in Berlin lebenden Künstlers, in der acht neue Arbeiten zu sehen sein werden.
Kiesewetters Skulpturen bestehen aus gebogenen, gefalteten, vernieteten und verschweißten Versatzstücken aus Metall, Plastik oder Pappe, die er mit monochromen Farbschichten überzieht und als abstrakte Assemblagen auf selbstgefertigten Sockeln präsentiert.
Neben Zeichnungen steht für ihn als Ausgangspunkt jeder Arbeit die Anfertigung einer Maquette – ein dreidimensionaler modellhafter Entwurf aus Karton oder Holz. Oft nur lose verbunden, lehnen hier
organisch anmutende gewölbte Flächen gegen scharfkantige, geometrische Formen. Die Übertragung dieser fragilen Konstruktionen in das widerständigere, zähere Material des Metalls sowie auch die Verbindung der verschiedenen Stoffe untereinander erfordern vom Künstler Kraftaufwand, Geduld und mehrteilige Arbeitsschritte: Erwärmung, Verbiegung, Erkaltung, Bemalung, Montage.
Umso erstaunlicher ist die leichte fast spielerische Wirkung der fertigen Arbeiten, die sich alle durch
eine präzise abgestimmte Balance aus ambivalenten Materialeigenschaften, Formen, Volumina und Anordnungen auszeichnen. Aufgrund des Allover-Anstrichs aus Industriefarben in Blau, Orange, Gelb oder Weiß erscheinen die Skulpturen wie aus einem Guss und jede von ihnen behauptet sich klar konturiert im Raum. Zugleich bleibt ihre Zusammengesetztheit klar ersichtlich, wegen ihrer absurden da funktionslosen Gesamtkomposition und weil sich die vom Farbauftrag frei gehaltenen Schrauben und Nieten deutlich von der monochromen Oberfläche absetzen.
Die Sockel heben die Singularität der Werke hervor und verleihen ihnen eine konzentrierte Distanz zum Umraum. Der homogene Gesamteindruck kippt ins Labile, sobald einzelne Teile der Skulpturen über Schwerpunkt und Basis hinaus reichen, während ihre Bodenhaftung nur auf wenigen Kontaktflächen- und -kanten beruht. Die aus einfachem Holz angefertigten Sockel, mal naturbelassen mal gestrichen, sind in ihrer Form immer individuell auf die Skulptur abgestimmt und bringen diese auf Augenhöhe mit dem Betrachter. Die lockere Parcours-ähnliche Verteilung der Arbeiten im Raum lädt dazu ein, nah heranzutreten, sie zu umlaufen und assoziative Bezüge zwischen ihnen herzustellen. Der Künstler
tariert auch hier Gegensätze aus, indem er eine allzu museale Inszenierung vermeidet (die Sockel-funktion im klassischen Sinne), gleichzeitig aber auch auf einen konzeptuellen Einbezug des Raumes verzichtet (die Installation im zeitgenössischen Sinne).
“Your eyes wander magnetised, your body follows and your thoughts start to dance: not alone but in a duett.“ (Galerie Almine Rech, Paris 2009). Thomas Kiesewetter geht es um die physische Präsenz dieser ähnlichen Bewegungen von Betrachter und Skulptur. Sein eigenes Desinteresse an kunsthistorischen Referenzen entkräftet nicht zwingend Bezugnahmen zur Formensprache der Moderne, wie die von Wladimir Tatlin, Alexander Calder oder Anthony Caro, dessen abstrakte Stahlskulpturen sowohl selbstreferentiell wie auch sinnlich erfahrbar sind . Ebenso interessant sind Vergleiche mit jüngeren Zeitgenossen wie Joel Shapiro, Manfred Pernice und Thomas Scheibitz.
In der Verformung von Stoffen manifestiert sich für Kiesewetter ein Moment von Bewegung und das Vergehen von Zeit: „Es gibt zum einen das Schieben im Sinne eines Drucks. Dann gibt es die Dinge, die durch den Druck in Bewegung geraten, die geschoben werden und zusammenkommen – und am Ende gibt es die Aussicht auf das Fallen. Schieben, Zusammenkommen und Fallen sind Bewegungen, die man für einen Moment umbiegen und in eine andere Richtung lenken kann.“
Carla Orten