Markus Vater
Briefe an die Schmetterlinge
15. November 2008 – 12. Dezember 2008
Eröffnung: Freitag, 14. November 19 – 22 Uhr

Es ist sicher kein Zufall, dass die visuell zurückhaltendste Arbeit von Markus Vater seine Ausstellung überschreibt. Seine Briefe an die Schmetterlinge sind sehr feine Zeichnungen auf DIN A4 Papier, die vom Absender datiert und mit einem vertraut klingenden „Euer Markus“ unterschrieben wurden. Sie sind adressiert an Lebewesen, die aufgrund ihrer Zartheit und vielgestaltigen Metamorphose zum Sinnbild für Auferstehung, Schönheit, aber auch Vergänglichkeit geworden sind.
Dank der Chaostheorie wissen wir, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Wirbelsturm auslösen kann. Aber können Schmetterlinge auch Briefe lesen…?

Herzstück der Ausstellung ist die projizierte Filmanimation The Cave has been moved, die schattenriss-ähnliche Bilder an die Wand wirft. Markus Vater bringt eine Vielzahl an Menschen, Tieren und Pflanzen zusammen, die in alltäglichen, grotesken bis märchenhaften Populationen auftreten und sich zu einem evolutionären Panoptikum zusammenfinden:
Eine Mutter gebärt ihr Kind von einem Ast herab, verwandelt sich in einen Schmetterling und fliegt davon. Ihr Säugling wächst tanzend zum knabenhaften Faun heran, bis ein vom Himmel fallender Gesteinsbrocken ihn unter sich begräbt. Ein rasant in die Höhe wachsender Baum durchbohrt den Leib einer jungen Frau und reißt ihren Kopf mit sich, der sich in den Lüften mit einem Totenschädel duelliert. Supermann fliegt stolz heran und kann sich angesichts des ganzen Szenarios doch nur selbst erschießen. Das Ganze ereignet sich vor einer Kulisse, in deren Vorder- und Hintergrund scheinbar alltägliche Prozesse ablaufen: Radfahrer passieren das Bild, Flugzeuge verfinstern für eine Weile den Himmel, Panzer fahren ein und aus, Pflanzen und Tiere gehen ihrem Wachstum und ihrer Vermehrung nach. Die Projektion verdunkelt und erhellt sich regelmäßig, es wird Tag und es wird Nacht. Alles geschieht gleichzeitig, in kausalem Zusammenhang oder aneinander vorbei – in horizontaler, vertikaler oder diagonaler Abfolge, in das Bild hinein oder aus dem Bild heraus. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Je aufmerksamer man die Eigendynamiken im Detail verfolgt, desto klarer wird, dass jede noch so unscheinbare Handlung ihre Spuren hinterlässt und weitere Veränderungen bewirkt.
Markus Vater hat Platons Höhle eine Reise antreten lassen, die die Evolutionsgeschichte bis in die Gegenwart hinein durchläuft. Sein Film verhandelt nicht nur das Verhältnis von Licht und Schatten, sondern ist eine künstlerisch verdichtete Metapher auf den Zyklus von Leben und Tod, der die Schöpfung mit der Apokalypse vereint.
Eine immer humorvolle, mehr poetische als zynische Suche nach den Gesetzmäßigkeiten des Lebens ist allen ausgestellten Arbeiten von Markus Vater – Zeichnung, Animation wie Malerei – gemein, der sich mit Medien und Stilen bewusst einer klaren Einordnung entzieht und trotz kunsthistorischer Referenzen immer auch den gegenwärtigen Alltag mit meint.

Carla Orthen.