Jon Pylypchuk
05. September 2009 – 24. Oktober 2009
Eröffnung: Freitag, 04.09. 19 -22 Uhr

In Zeichnungen, Assemblagen und Skulpturen versammelt der Kanadier Jon Pylypchuk einen ganzen Kosmos skurriler Kreaturen, die sich in den letzten Jahren zu Populationen in den Raum ausgebreitet haben. Animalische Mischwesen, halb Tier halb Mensch, sind zusammengeklebt und collagiert aus Stoff- und Holzresten, Haarpartikeln, Fellbüscheln und Papierfetzen. Sie agieren in surrealen und zugleich erschreckend lebensnahen Szenarien, die fein skizziert sind, sich in gemalten Landschaften oder raumgreifenden Installationen ansiedeln.

Katzen und Elefanten sniefen Kokain am Strand. Hundsähnliche Vierbeiner spielen Golf, kämpfen im Boxring oder zeigen sich mit herunter gelassenen Hosen. Eine zerzauste Rüsselgestalt (ein Kriegsveteran?) lässt Buch und Beine im verschlissenen Sessel hängen (“I miss you danger, and all it’s elements”, 2006). Verstümmelte Kreaturen (Soldaten?) streunen durch eine aus Holz zusammengezimmerte Barackenstadt (“Hopefully, I will live through this with a lttle bit of dignity” 2006).
Lebensalltag, soziale Interaktion, Einsamkeit und Kampf. Länger als uns lieb ist bleiben Pylypchuks Figurenwelten im Gedächtnis haften. Vor allem aber ist der Text das Herzstück seiner Arbeiten. Die Worte, die der Künstler seinen Akteuren auf handgeschriebenen Papierstreifen in den Mund legt, sind bissig, aggressiv, gnadenlos bis lüstern – und verwandeln die „verschlissenen, geschlagenen Kuscheltiere“ (Gail Kirkpatrick) in philosophisch hintergründige Ratgeber unseres Lebens: „just sit back and recount the violence of one year” – “you are mess and will continue to be so” – „this is the damage you have done trying to control yourself“ – “you are not dying, you are stupid” – “that is a fake rain and you are a fake”.
Jedes Bild ist ein inszenierter Auftritt gesellschaftlicher Begegnungen, Erwachsenencomic und Bühnenstück zugleich. Folgerichtig daher auch Pylypchuks Beitrag für das interdisziplinäre Projekt „Von denen die überleben“ im migros museum für gegenwartskunst / Schauspielhaus Zürich 2008, für das er mit einer Schriftstellerin und Musikerin zusammen arbeitete. In seiner (hinter)listig sarkastischen Kuschelfreak-Show verkleidet Pylypchuk die universellen Themen des Lebens immer wieder in banale Gewänder. Seine Protagonisten klagen über Verdauungsprobleme, Vergreisung und Gewichtsreduktion auf einer Bühne von Sex, Gewalt, Krieg, sozialer Ungerechtigkeit und Kindesmissbrauch.

Auf Pylypchuks zunehmendem Bekanntheitsgrad folgten kunsttheoretische Vergleiche mit Vertretern der „Grunge Ästhetik“ (Ana Finel Honigman) wie Mike Kelley oder Paul MC Carthy bis hin zu Künstlern der Outsider Art (Jean Dubuffet). Man ist sich einig über Attribute wie „trashig“, „niedlich“,“ krass“,“ekelerregend“ bis „bitterernst“ (Gail Kirkpatrick) – und über Pylypchuks tiefschwarzem Humor, der uns lachen und weinen lässt. Treffender als Jim Hensons Muppets ist der Vergleich mit Peter Jacksons Gesellschaftssatire „Meet the feebles“, die wie Pylypchuk noch derber und radikaler mit unserem Gesellschaftsgefüge aus Sex, Drugs and Industries abrechnet.

Jon Pylypchuk ist im internationalen Kunstbetrieb längst kein Unbekannter mehr. Seit seiner letzten Solo Show bei Sies + Höke 2007 grassierten seine „Creature creations“ durch ausgewählte Galerien und Ausstellungshäuser weltweit, fanden ihren Platz in bedeutenden Sammlungen. Zuletzt widmete ihm die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst in Münster 02/ 2009 die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Am 11. September 2009 eröffnet die Blaffer Gallery im Art Museum oft he University of Houston eine Solo Show, zu der in Kooperation mit der AZKM Münster ein umfangreicher Katalog erscheinen wird.
Sies + Höke präsentiert neue Arbeiten von Jon Pylypchuk, neben Zeichnungen erstmals auch eine Bronzearbeit sowie zwei Videos.

Carla Orthen