Jeppe Hein
6. Mai 2006 — 3. Juni 2006
Feuer und Wasser sind zwei Elemente, die, ob in Wissenschaft, Schöpfungsmythen oder im alltäglichen Sprachgebrauch, ob im physikalischen oder übertragenen Sinne, gemeinhin für Unvereinbarkeit stehen und als Gegensatzpaar schlechthin gehandelt werden.
Jeppe Hein (* 1974 Kopenhagen) macht das Unmögliche möglich und vereint in einer einzigen Installation Feuer und Wasser miteinander, ohne dass eins der Elemente die Oberhand über das andere gewinnt. Seine mannshohe Waterflame sendet durch das Schaufenster bei Sies+Höke ihre Signalwirkung in den Außenraum hinaus und bietet einen gelungenen Auftakt in den Kosmos des dänischen Künstlers, der nicht erst seit seiner interaktiven Brunnenskulptur bei der Biennale in Venedig 2003 für internationales Aufsehen gesorgt hat.
Hein lässt durch eine Düse im Boden eine ca. 1,80m hohe Wasserfontäne in die Höhe schießen, während eine Gaszufuhr an gleicher Stelle dafür sorgt, dass ein Feuerstrom durch das Wasser hindurch an der Spitze der Fontäne zu einer Flamme anwächst. Die Installation weckt beim Besucher Intuitionen von Gefahr, Bedrohung und besticht zugleich durch ihre formale Ästhetik und technische Perfektion.
Durch die Berührung der Wasserflamme mit Papier setzt sich die Beschäftigung mit den beiden Elementen Feuer und Wasser in den – erstmals so entstandenen – Fire Drawings auf der Empore fort. Die Wasserflamme ist am ehesten als Skulptur zu begreifen: man kann sie umgehen, ihr Flackern ist als Ausdehnung und Bewegung im Raum wahrnehmbar, ebenso wie Hitze und Nässe. Durch die Übertragung ihrer Spuren auf Papier jedoch funktioniert Jeppe Hein die Flamme als Objekt der Betrachtung zum Zeichenstift selbst um und überträgt ihre „Handschrift“ in das zweidimensionale Medium der Zeichnung.
Im Untergeschoss ertappt der Besucher sich zunächst bei der vergeblichen Suche nach Galerie-tauglichen Kunstobjekten, den Blick hilflos an den nackten weißen Wänden entlangschweifend in einem sonst vollkommen leeren Raum. Wer die Galerie kennt, wird feststellen, dass hier eine zusätzliche Wand in der Raummitte eingezogen wurde, die nun den hinteren Teil des Raumes völlig unzugänglich macht. Allein der Titel Self-Destructing Wall verweist jetzt schon auf einen Prozess, der schleichend und sukzessiv erst in den nächsten Tagen und Wochen sichtbar werden wird: Dank einer im Wandinneren verborgenen Konstruktion aus Seilwinde und Motor wird sich die aus einem Metallgitter bestehende Wand tagtäglich Millimeter um Millimeter zusammenziehen. Die Folgen dieser allmählichen Selbstzerstörung, die Hein bereits 2003 in der ROR Galleria in Helsinki erprobte, sind abzusehen, nicht jedoch der genaue Zeitpunkt: Die Rigips-Verkleidung wird dem Druck irgendwann nicht mehr standhalten können, aufbrechen und zersplittern. Der Däne treibt hier wie in anderen Arbeiten zuvor sein Spiel mit Erwartungshaltungen, Raumerfahrungen und nicht zuletzt dem Gedankengut der Minimal Art. So werden weder Prozeß noch Endresultat der Self-Destructing Wall bei der Ausstellungeröffnung an- und abzusehen sein, sowohl Zeit wie auch Zufall sind die bewusst einkalkulierten Faktoren in diesem minimalen und zugleich aggressiven Selbstzerstörungsprozeß.
Jeppe Hein verbindet vor unseren Augen Feuer und Wasser in ihrer formalen Ästhetik und natürlichen Unvereinbarkeit miteinander. Auf die ihm eigene technisch wie formal ausgeklügelte Weise lässt er den noch immer Galerie-üblichen White Cube selbst zum Objekt der Betrachtung und Zerstörung werden. Der Künstler hinterfragt Gesetzmäßigkeiten des Raumes, bewegt sich spielerisch und experimentell durch die unterschiedlichsten Medien und Kunstdiskurse und wagt den Balanceakt zwischen physikalischen Gesetzmäßigkeiten und ästhetischem Zauberspiel.