Claudia Wieser
8. Mai — 13. Juni, 2009
Eröffnung: Freitag, 8. Mai, 19:00 – 22:00 Uhr

Sies + Höke präsentiert mit Claudia Wieser (*1973) einen Neuzugang der Galerie in einer breit angelegten Einzelausstellung.
In vielschichtigen Referenzsystemen stellt die Berliner Künstlerin den Zusammenhang von Architektur, Kunsthandwerk und bildnerischer Ästhetik zur Disposition und lässt dabei auch die Formensprachen vergangener Epochen mit einfließen.
Die Ausstellung empfängt den Besucher auf drei Etagen in einem Rhythmus aus sich überlagernden Formen, Farben und Medien, der ihn von Raum zu Raum fortschreitend involviert.
Auftakt im Erdgeschoss ist ein bis an die Decke reichendes Wandtableau aus glasierten Keramik-Fliesen mit geometrischen Formen im klar separierten Rot, Blau, Braun und Weiß auf schwarzem Hintergrund. Für die abstrakte Präzision und die rhythmisch ausgewogene Verteilung holte sich Claudia Wieser Anregungen aus der Bauhaus-Zeit – darunter Kandinskys Musikzimmer für die „Deutsche Bauausstellung“ 1931 und die gekachelten Treppenhäuser aus Bruno Tauts Wohnsiedlungen in Berlin. Die durch das Schaufenster weithin sichtbare Arbeit könnte man von weitem für ein gemaltes Wandbild halten. Der eintretende Besucher begegnet jedoch vor allem sich selbst: Die Reflexionen der glasierten Kacheln vervielfachen sich in drei runden Spiegelarbeiten auf der Wand gegenüber und lassen Innen- und Außenraum und jede Bewegung darin in unendlichen Brechungen und Perspektiven ineinander übergehen.
Die Treppenauf- und abgänge der Galerie korrespondieren im Souterrain und Eingangsbereich mit einer weiteren Arbeit der Künstlerin. Eine zum Wandbild hochkopierte Collage zeigt Ausschnitte von Treppenhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die einem Buch über „Alte Belgische Innenräume“ von 1930 entnommen sind. Ihre Licht- und Linienführungen verbinden sich mit der umgebenden Architektur zu einem perspektivischen Gesamtraum, der durch die Überlagerung verschiedener Zeiten, Stile und Bildebenen irritiert. Motivische Entsprechungen finden sich in einer Abfolge gerahmter alter Buchseiten, in denen Wieser Interieur- und Landschaftsaufnahmen mit geometrisch reduzierten Formen überzeichnet und auf ihre Grundanlage und atmosphärische Wirkung hin vergleicht. Die Materialien der Arts and Crafts Bewegung (Keramik, Spiegel) verbindet sie in einer Arbeit im ersten Obergeschoss mit Darstellungsmitteln des Art Deco-Films, in dem das Naturbild vor allem ein abstrahiertes und artifizielles war.
Claudia Wiesers Bildräume verbindet das Interesse für Architektur und Natur als gestaltete Lebensräume des Menschen. Sie zeichnen sich durch eine besondere Balance aus distanzierter Aneignung und poetisch anmutender Ästhetik und Atmosphäre aus. Durch den Rückbezug auf vergangenes Formenvokabular und utopische Diskurse findet die Künstlerin ihre ganz eigene, künstlerische Ausdrucksweise und beschreibt die Beschaffenheit der Welt als medial inszenierte und reproduzierte Konstruktion, die sich immer wieder neu erfindet.

Carla Orthen.